Das Auge nicht abwenden

München - Die Hälfte des kleinen Blattes ist weggerissen. Auf dem Rest: Hände und Bücher ­ also jene Vereinigung von Anfassen und Erfassen, von zärtlich-sinnlicher Hinwendung und geistiger Antwort. Das Papierchen gehört zum ersten Skizzenbuch von Adolph Menzel. Ab 1835 war er niemals mehr ohne ein solches Büchlein unterwegs. Deswegen hat sich die Ausstellung "Adolph Menzel ­ radikal real" -­ die erste in München überhaupt -­ das Konvolut der Skizzenbücher als Herzstück erkoren.

Die Hypo-Kunsthalle präsentiert erstmals in München das Schaffen Adolph Menzels

Die Hypo-Kunsthalle konnte bei diesem wunderbaren und klugen Projekt auf Bestand und Hilfe (Kurator Bernhard Maaz) des Kupferstichkabinetts der Staatlichen Museen zu Berlin zählen. Von den Menzel-Schätzen ­ es gibt neben 7000 Zeichnungen 75 Skizzenbücher ­ trennte man sich willig, zumal die Hypo-Kulturstiftung die Berliner kräftig unterstützte: So konnten die empfindlichen Werke konservatorisch gesichert und digital erfasst werden.

1835 war der junge, kleinwüchsige Mann 20 Jahre alt (er starb 1905 in Berlin) und hatte schon seit drei Jahren seine Mutter und Geschwister ernährt. Der Vater war 1830 mit Anhang aus Breslau nach Berlin gezogen, hatte dort eine Lithografiewerkstatt eröffnet und war bald gestorben. Adolph sorgte für die Hinterbliebenen, ließ aber von der Kunst nicht ab ­ auch als er sich enttäuscht von der akademischen Ausbildung abwandte. Als Autodidakt erarbeitete er sich mit Fleiß und stetem Wahrnehmungs-Training das Können. Daraus entwickelte er seine Kunst der Wahrhaftigkeit, die die Wirklichkeit in all ihren Schattierungen achtet.

Kategorien wie schön oder hässlich, wichtig oder unbedeutend, hehr oder niedrig wischte Menzel gerade in seinen Zeichnungen beiseite. Denn sie waren ja sein ganz persönliches Kunst-Reservoir, bei ihnen war er von kommerziellen oder gesellschaftlichen Wünschen völlig frei.

Die Schau, die die Besucher in blauen Räumen zu fünf Kapiteln von Familienbildern über "radikal reale" Zeichnungen bis zu Reiseeindrücken zwischen München, Salzburg, Paris und Verona empfängt, will "bewusst", wie es heißt, auf historische und legendäre Werke wie "Flötenkonzert in Sanssouci" oder "Eisenwalzwerk" verzichten. Dennoch muss niemand Sorge haben, dass die Präsentation nur im kargen Grau von Bleistift und Kohle stattfindet. Ölgemälde, Aquarelle, Pastelle und Gouachen schildern lebhaft das Geben und Nehmen von Zeichnung und Malerei, Farbe und Farblosigkeit.

Letztere führte bei Menzel, der mit seinem "Stoff" Friedrich der Große berühmt und erfolgreich wurde, zu großzügiger Nonchalance. Mit dem Pinsel aber geht er v.a. später ungeheuer kleinteilig vor. Form und Licht modelliert er quasi aus lauter Farb-Fusseln. Ungemein winzig und nervös sind sie gesetzt, ergeben so das typisch Menzel'sche Geflirr.

Das ist so bei der fröhlichen Farbexplosion von Menschen in Hochstimmung, die das "Frühstücksbuffet der Feinbäckerei in Kissingen" (1893) stürmen oder die "Fronleichnamsprozession in Hofgastein" (1880) zum Volksfest nutzen; das ist auch so bei dem satirischen "Besuch im Walzwerk" (1900), wo die satten, faulen Reichen mit einem drahtigen, schuftenden Arbeiter optisch "kollidieren" oder bei all den magisch verhangenen Bildern aus einem Kircheninneren. Licht kann hier nur noch der Reflex auf dem Kopfputz einer Bäuerin sein.

Zunächst allerdings tritt uns Menzel in der Kunsthalle als Künstler-Denkmal gegenüber: große Büste, markige Schlossdekoration (Blücher trifft Wellington), Reminiszenz ans "Flötenkonzert". Danach ganz intim, bürgerlich, privat die Arbeiten über Bruder und Schwester, das eigene Heim, die Freunde. Schön korrespondieren hier die Skizzen von einem träumerischen Mädchen und dem grübelnden Burschen (1838) mit dem Gemälde "Wohnzimmer mit Menzels Schwester" (1847), auf dem ebenfalls ein Mädchen versonnen in die Ferne schaut.

Dass Menzel von nichts die Augen abwandte, zeigt imposant der Saal "Unerbittlich wahrhaftig". Der Künstler "dokumentiert" den würdelosen Umgang mit gefallenen Soldaten, deren Leichen mit entblößter Scham liegen gelassen werden (1866), die verrotteten Mumien hoher Offiziere, deren Gruft geöffnet wurde (1873) ­ und mit inniger Anteilnahme ein totes elfjähriges Mädchen. Menzel schaut nicht weg, beim Erschütternden nicht und nicht beim Komischen. Er sieht den Fensterputzer, der sich verrenken muss, um an die Glasscheiben zu kommen, er sieht den ungeniert Gähnenden, das überaus kühne Dekolleté einer üppigen Schönen, den verräterischen Seitenblick einer anderen, den Mann auf dem Lokus und das Pedal eines Hochrads. Menzel, so endet die schöne Ausstellung, sieht aber auch sich selbst "unerbittlich": von der früh schon vorhandenen Glatze bis zum knubbeligen Fuß. Immer wieder schaut er sich und folglich wir ihm ins unbestechliche Auge. Und am Ende wieder die Hand und das Buch ­ Adolph Menzels rechte Hand.

Bis 31. August,

089/ 22 44 12, Katalog bei Hirmer (bei Gemälden schlechter Farbdruck): 25 Euro.

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