Augen zu und alles für Katharina

Salzburg - Nur mal angenommen, der scheidende Chef hätte sich am Donnerstag bei der Abschlussfeier vom Thron erhoben, hätte "April, April" gemurmelt, den Rücktritt zurückgezogen und wäre in die Villa unterhalb des Festspielhauses zurückgeschlurft. Ein Schreckensszenario für alle, hatte man sich doch so schön und längst auf den Wachwechsel eingestellt.

Möglich wär's gewesen, passiert ist es nicht. Und so schwingt in all der Krokodilstränen-Vergießerei bei Familie, Bund und Land auch eine kaum verhohlene Portion Erleichterung mit: Gut, dass Wolfgang Wagner weg ist.

Was der Komponisten-Enkel in den vergangenen 57 Jahren für Bayreuth geleistet hat, lässt sich kaum ermessen. Eine Legende schon jetzt, ein einzigartiger, wohl nie wieder erreichbarer Prinzipal. Versüßt wurde ihm der Abschied bekanntlich durch eine Zusicherung: Die aktuelle Wunschtochter Katharina soll mit der einstigen Wunschtochter Eva das Erbe antreten. Dass inzwischen mit Nike Wagner und Gerard Mortier ein weiteres Bewerberpaar aufgetaucht ist, hat diesen Frieden zwar gestört, wird aber am Votum des Stiftungsrats nicht viel ändern - am Montag ist die alles entscheidende Sitzung.

Katharina Wagner hat sich in den vergangenen Monaten als echte, weil listige Tochter ihres Vaters erwiesen. Als Chefin der neuen Mediengesellschaft kontrolliert sie bereits jetzt die Bayreuther Außenwirkung. Zudem kann sie damit Gewinne einstreichen - und das Defizit der Festspiele weiterhin der öffentlichen Hand aufbürden. Darüber hinaus hat sie alle Neuinszenierungen bis 2015 festgeklopft - kein feiner Zug, ist doch in der Opernszene üblich, nur vier bis fünf Jahre im Voraus zu planen. Sollten also wider Erwarten Nike Wagner und Gerard Mortier das Ruder übernehmen, könnten sie sich erst ab 2016 verwirklichen. Oder sie müssten Verträge lösen - und die Künstler auszahlen.

Zwei Konzepte liegen dem Stiftungsrat bei seiner Sitzung im Bayreuther Rathaus vor (siehe unten): Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier plädieren für ein kaum modifiziertes "Weiter so", während Nike Wagner und Gerard Mortier ein paar kleine Schritte weitergehen wollen. An den Rahmenbedingungen indes will keiner rütteln: Bayreuth ist und bleibt das Synonym für Wagner, andere Komponisten wird es während des Festspielsommers nicht geben, überhaupt wolle man wieder, wie weiland nach dem Zweiten Weltkrieg, eine künstlerische Führungsrolle übernehmen.

Da sich also die Inhalte nicht groß voneinander unterscheiden, fällt der Stiftungsrat eine ganz anders geartete Entscheidung: Wer ist dem Gremium lieber? Und: Wie lange will es mit ihm auskommen? Naturgemäß sind mit Mortier und Nike Wagner, beide Mittsechziger, keine längerfristigen Bindungen möglich. Auch wenn man im Stiftungsrat also betont, dass ein Festspielleiter keinesfalls mehr einen lebenslangen Auftrag bekommen werde, steuert man mit der Lösung Katharina Wagner genau in diese Richtung. Kaum denkbar ist schließlich, dass ihr Vertrag nach fünf, sechs Jahren nicht verlängert wird.

Die Ideallösung wäre daher: Der Stiftungsrat gönnt sich noch etwas Zeit. Spricht mit den Bewerbern. Lotet aus. Stellt behutsam Weichen. Und folgt nicht der Devise "Augen zu und alles für Katharina". Denn mitnichten ist eine Entscheidung schon am Montag notwendig. Der Betrieb kann vorerst auch ohne offizielle Führungsfigur weitergehen, außerdem gibt es ja den "freien Mitarbeiter" Klaus Schultz, Ex-Intendant am Gärtnerplatz. Und dass in Bayreuth alles im Fluss ist, hat der spektakuläre Frontenwechsel von Eva Wagner-Pasquier bewiesen. Sie hatte sich einst mit Nike Wagner beworben, bevor sie sich - was die Richard-Urenkelin nicht unbedingt glaubwürdiger macht - an Katharinas Seite gesellte.

Seit dem Tod von Wolfgang Wagners Frau Gudrun, die familiäre Aussöhnungen verhinderte, ist am Hügel alles möglich. Warum nicht also auch eine Annäherung von Katharina, Nike und Eva? Jede könnte ihre ganz persönlichen Stärken einbringen und hätte damit ihr eigenes Aufgabengebiet. Aufbruch und Tradition könnten eine fruchtbare Symbiose eingehen. Und das Beste: Bayreuth hätte einen Mortier gar nicht mehr nötig.

Der Stiftungsrat

Über die Leitung der Bayreuther Festspiele entscheidet der 24-köpfige Stiftungsrat der Richard-Wagner-Stiftung, in deren Eigentum sich das Festspielhaus befindet. Dem Rat gehören Vertreter der Familie Wagner (vier Stimmen), des Bundes, des Freistaates Bayern (jeweils fünf), der Stadt Bayreuth (drei), des Bezirks Oberfranken, der Bayerischen Landesstiftung (je zwei), der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth (zwei) und der Oberfrankenstiftung (eine) an. In der Satzung von 1973 heißt es, das Festspielhaus sei "grundsätzlich an ein Mitglied der Familie Wagner" zu vermieten.

Dies gelte nur dann nicht, "wenn andere, besser geeignete Bewerber auftreten". Vorsitzender des Stiftungsrats ist Toni Schmid, Ministerialdirigent im Bayerischen Kunstministerium, der Geschäftsführer ist Bayreuths Oberbürgermeister Michael Hohl.

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