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Mit Stöckelschuhen darf man nicht aufs Sofa: Deshalb zog Yuja Wang ihre High Heels für diese Aufnahme aus.

„Augen auf bei der Berufswahl“

München - Die chinesische Pianistin Yuja Wang spricht im Interview über ihr einsames Leben, Live-Konzerte und Verkaufsstrategien in der Klassik-Szene.

Ihr Spitzname lautet „fliegende Finger“: Die chinesische Wunder-Pianistin Yuja Wang sorgt mit ihrem hochvirtuosen, leidenschaftlichen Spiel weltweit für Jubelstürme. Sie ist in Peking geboren und aufgewachsen, ging aber mit 14 nach Amerika und studierte dort unter anderem – wie ihr Landsmann Lang Lang – fünf Jahre bei Gary Graffman in Philadelphia. Kürzlich ist ihre dritte CD erschienen. Wir trafen die ebenso zierliche wie quirlige 24-Jährige zum Interview in Berlin.

Mit sieben gaben Sie Ihr erstes Konzert. War da Ihr Karriereweg schon vorgezeichnet?

Nein, gar nicht. Ich hätte nie daran gedacht, Pianistin zu werden – das Klavier war damals nur eines meiner Hobbys. Sieben Jahre lang wurde ich in China von einer tollen Lehrerin unterrichtet: Sie hatte zwar die harte russische Schule verinnerlicht, doch bei ihr standen nie technische Voraussetzungen im Vordergrund, sondern Musik, Empfindungen, Fantasie. Darum habe ich das Üben auch nie als anstrengend empfunden. Das geht mir bis heute so: Klavierspielen macht mir einfach großen Spaß.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Claudio Abbado für Ihre neue CD?

Ich war in Paris für Murray Perahia eingesprungen, woraufhin mich der Veranstalter seinem langjährigen Freund Abbado empfahl. Der wiederum sah sich ein Konzert mit mir an und meinte anschließend, ihm wäre seit Martha Argerich kein so außerordentliches Talent mehr begegnet. Ich war völlig fassungslos und fragte mich, was er an dem Tag wohl geraucht haben mochte! (Lacht.) Aber dann engagierte er mich tatsächlich für das Eröffnungskonzert seines Festivals in Luzern.

Es wurde eine Prokofjew-Sternstunde, die im Fernsehen übertragen und auf DVD veröffentlicht wurde. Nun haben Sie zusammen mit Abbado eine Rachmaninow-CD eingespielt – wieder eine Live-Aufnahme.

Ja, ich mag den besonderen Kick eines Live-Auftritts. Allerdings setzt man für solche Aufnahmen normalerweise zwei Konzerte an – für den Fall, dass etwas schiefläuft. Doch diesmal gab es nur einen einzigen Versuch, und zudem hatten wir noch nie gemeinsam Rachmaninow gespielt. Ich war also ziemlich nervös. Man beruhigte mich, notfalls könne man hinterher noch etwas an der Aufnahme ändern. Aber dann haben sie bloß ein paar Huster eliminiert. Die Musik wurde überhaupt nicht angetastet.

Kaum zu glauben, wenn man die CD hört. Wer Sie im Konzert erlebt hat, stellt sich zumeist zwei Fragen: Wie kommt es, dass man nie eine Schweißperle auf Ihrer Stirn sieht? Und wie können Sie mit Ihren Stöckelschuhen die Klavierpedale bedienen?

Vielleicht bin ich ein medizinisches Phänomen: Ich schwitze tatsächlich so gut wie nie – was den Vorteil hat, dass auch meine Hände nicht feucht werden. Und meine High Heels sind quasi mit mir verwachsen. Ich finde, die Pedale lassen sich mit ihnen sogar leichter und bequemer handhaben als mit flachen Schuhen.

Sie ziehen sich offenbar gerne gut an. Wie stehen Sie dazu, dass in der klassischen Musik das Aussehen der Stars immer wichtiger wird?

Das finde ich gar nicht gut. Es gibt mir sehr zu denken, dass das Marketing und das Image eines Künstlers heutzutage so eine große Rolle spielen. Jetzt bin ich noch jung – aber was ist in 20 Jahren? Lässt mich die Musikindustrie dann fallen, wenn man mich nicht mehr so gut vermarkten kann?

Würden Sie sich wie Vanessa Mae im nassen T-Shirt fotografieren lassen, um der Klassik eine größere Fangemeinde zu erschließen?

Nein, niemals. Ich sollte schon zusammen mit David Garrett auftreten, doch ich habe dankend abgelehnt. Ich halte auch nichts von Stadionkonzerten – da lässt man sich auf ein erbärmliches Niveau herab. Das alles interessiert mich nicht. Mir geht es um ein möglichst hohes Maß an Qualität. Und ich finde, wir sollten uns damit abfinden, dass klassische Musik eben nicht die ganz großen Massen erreicht.

Was treiben Sie, wenn Sie nicht Klavier spielen?

Dann bin ich meistens unterwegs: Ich gebe rund hundert Konzerte im Jahr. Auf meinen Reisen habe ich immer viele Filme dabei, die ich mir auf meinem Computer anschaue – und E-Bücher, die ich auf meinem Kindle lese. Oft bin ich pro Woche in drei verschiedenen Städten und pro Monat auf drei verschiedenen Kontinenten. Sie sehen, ich führe ein einsames Leben! Das hätte ich damals nicht gedacht – als kleines Mädchen, das einfach Spaß am Klavierspiel hatte. Insofern kann ich nur sagen: Augen auf bei der Berufswahl! (Lacht.)

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

Konzert

Morgen spielt Yuja Wang mit dem Royal Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Charles Dutoit in der Münchner Philharmonie das dritte Klavierkonzert von Sergei Rachmaninow. Karten unter Telefon 089/ 93 60 93.

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