Augen verdrehen gilt nicht

- Wahrscheinlich ist es so etwas wie Wagners "Ring", den jedes Opernhaus von der Met bis zum Kurort glaubt stemmen zu müssen. Oder wie der Pilgertrip nach Mekka (alternativ: Altötting), dem sich der gute Gläubige unterzieht. Beethovens Symphonien komplett und auf Tonträger, so sieht das Pflichtprogramm des Star-Dirigenten samt seiner Marketing-Kamarilla aus. Einer fehlte - bis kürzlich. Doch Augen verdrehen gilt nicht: Simon Rattles Zyklus der neun Evergreens ist kein lauer Aufguss längst bekannter Deutungen, sondern eine echte, hitverdächtige Bereicherung des Marktes.

Bekanntlich pflegt der Brite ein enges Verhältnis zur Alten-Musik-Szene, dirigierte auch deren diverse Orchester. Und unter seinen Händen klingen auf einmal selbst die Wiener Philharmoniker so, immerhin routinierte Beethoven-Kämpen seit zwei Jahrhunderten. Doch wer erwartet hatte, Rattle werde als Stürmer und Dränger die Partituren durchpflügen, wird überrascht.

Oft, etwa in Nummer sieben oder acht, nimmt er das Tempo zurück zu Gunsten einer analytischen Feinzeichnung und genauer, an barocker Praxis geschulter Linienführung. Unterstützt wird er dabei von der Tontechnik, die - auch dank der Akustik des Wiener Musikvereinssaals - ein hoch auflösendes Klangbild beschert. Rattles Detailarbeit betont das Aufbegehren und Aufbäumen, den unwirschen, kompromisslosen Duktus von Beethovens Musik. So gerät auch das Finale der Neunten nicht zur triumphalen Überhöhung, sondern offenbart auf einmal Aggressivität, auch den Zweifel, der ja Schillers Versen ("Über Sternen muss er wohnen.") innewohnt.

Am stärksten gelang vielleicht die Dritte, deren widerstreitende Kräfte - das Heroische und das Verzagte, das Explosive und plötzlich Zusammensackende - von Rattle und den Wienern sehr plastisch vorgeführt werden. Kein hohler Furor, kein effektvolles Feuer wird da entfacht, sondern eine Interpretation vermittelt, die kompositorische Faktur beleuchtet, zugleich die Spontaneität und intelligente Hinterfragung des Notentextes vereint.

Und hier trifft sich Rattle mit Altmeister Nikolaus Harnoncourt, der in Sachen CD die Symphonien plus "Fidelio" schon abgehakt hat, dem nur die Klavierkonzerte fehlten. Bislang. Seine Gesamteinspielung setzt sich aus Live-Mitschnitten zusammen, die - bis auf eine Ausnahme - während der Grazer Styriarte entstanden.

Was für ein ungleiches Duo. Hier der überrumpelnde, noch lange nicht Altersstil-verdächtige Dirigent, der die Konzerte präsentiert, als höre man sie erstmals. Und am Steinway Pierre-Laurent Aimard, der an Messiaen geschulte Intellektuelle, dessen Klangvorstellungen vom 20. Jahrhundert bestimmt sind. Aimards herausragende Technik, sein kristalliner, bis ins Pianissimo trennscharfer Anschlag erstaunen natürlich. Auch seine Fähigkeit, den Beethoven'schen Gesten nicht zu erliegen, sondern sie auf Funktion und Bedeutungsgehalt abzuklopfen. Stets mischt sich daher ins Spiel ein Quäntchen Distanz, ein Zurückschrecken davor, sich dem Sog der Musik auszuliefern.

Geradezu impressionistische Farbenspiele entlockt Aimard den langsamen Sätzen, absolviert überdies die aufrauschenden Passagen etwa des fünften Konzerts souverän, kontrolliert, aus der Haltung eines Anti-Virtuosen. Emotionales Kraftzentrum dieser Gesamteinspielung bleibt also Harnoncourt, auf dessen zupackende Impulse Aimard - dem man einfach eine Spur "mehr Bauch" wünscht - reagiert.

Doch gerade im Zusammentreffen des heterogenen Paares begründet sich die Spannung dieser Aufnahme. Der Hörer bleibt dran, oft atemlos lauschend, was denn im nächsten Takt wieder passieren könnte - und das bei fünf Schlachtrössern, die in unzähligen Aufnahmen CD-Regale füllen. Eigentlich das Beste, was einer Neuerscheinung passieren kann.

Ludwig van Beethoven: Neun Symphonien, Wiener Philharmoniker, Simon Rattle (EMI); Fünf Klavierkonzerte, Chamber Orchestra of Europe, Pierre-Laurent Aimard, Nikolaus Harnoncourt (Teldec).

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