Augenblicke purer Emotion

- Seit Jahren ist er Salzburgs Mozarttenor Nummer eins, war Prinz in der "Zauberflöte" und Donna Annas Verlobter im "Don Giovanni". Doch heuer erobert er den Kaiserthron in Mozarts Huldigungsoper "La clemenza di Tito": Michael Schade. Das Haupthaar hat er sich schon scheren lassen, der goldene Lorbeer für den Titus-Kopf liegt schon parat, morgen ist Premiere in der Felsenreitschule. Die mit Spannung erwartete Neuinszenierung von Martin Kusej wird von Nikolaus Harnoncourt dirigiert. Mit von der Partie sind Dorothea Röschmann als Vitellia, Vesselina Kasarova als Sextus und Barbara Bonney als Servilia.

<P>Ein bisschen traurig ist Michael Schade, der in Kanada aufgewachsene Deutsche schon, dass er heuer den Don Ottavio im "Giovanni" vom Vorjahr nicht singen kann. Aber zugleich erfüllt ihn eine "positive Aufregung gegenüber dem Titus, der doch eine Stufe darüber rangiert. Mich reizt es, im Mozartjahr 2006 beide zu singen." Zunächst schwärmt der Sänger noch von Ottavio, "einem absolut starken Charakter und Gegenpart zu Don Giovanni".</P><P>"Es ist nicht einfach, die Mozarttenöre stark zu spielen, weil sie durch ihre stimmliche Klarheit, Leichtigkeit und Höhe immer das Gute, das Innerliche repräsentieren. Aber ihre Eleganz ist eine Stärke, keine Schwäche." Schade, der sich höchst temperamentvoll für die edlen Herren einsetzt, verteidigt ihre Sanftheit: "Es gibt doch keine größeren Momente der absoluten Wahrheit als ,Un aura amorosa in ,Così`, ,Dalla sua pace im ,Giovanni oder auch die Bildnisarie in der ,Zauberflöte. Das sind Augenblicke purer Emotion und Liebe."</P><P>Den Sprung zum heldischeren Titus wagt er, weil Nikolaus Harnoncourt ihm zur Seite steht. "Für ihn würde ich den Ottokar im ,Freischütz oder den Monostatos singen. Ich bin von ihm als Mensch und Musiker zutiefst überzeugt. Ich weiß nicht, wer von beiden größer ist."</P><P>Auch von Kusejs etwas anderer Sicht auf Mozart ist Michael Schade hingerissen: "Kusej liebt und respektiert die Musik, er will was erzählen und nicht provozieren. Auch wenn er ein Stück kontrovers angeht, er bleibt der Geschichte treu. Bei ihm gibt es keine Heuchelei."</P><P>"Titus - ein Regierender, der nicht regieren will."<BR>Michael Schade</P><P>Wenn Schade ein Charakterbild seiner Kaiser-Rolle entwirft, dann wird sofort klar, wie begeistert er sich auf Kusejs Konzept eingelassen, es verinnerlicht hat. Die "clemenza" des Kaisers, seine Milde und Güte, seien verführerische Worte. "In Wirklichkeit", so erklärt der Sänger, "ist Titus ein Regierender, der nicht regieren will. Ein Neurotiker, der keine Konflikte aushalten kann." Nicht genug damit, in seinem übermäßigen Verzeihen werde Titus' Gnade gnadenlos. Denn "wenn alles verziehen, nichts mehr diskutiert wird, können Probleme nicht ausgetragen, Gefühle nicht ausgelebt werden. Dann kreiert man doch ein Vakuum."</P><P>Regisseur und Interpret gehen bei ihrer Deutung des milden Mozart-Kaisers noch einen Schritt weiter und glauben, dass er in seiner Vision die Milde ad absurdum treibe, sich dabei selbst zerstöre und die Mitmenschen mit in den Wahn reiße. "Titus ist ein Über-Denker, er denkt immer eine Spur zu weit", behauptet Schade und freut sich darauf, diesem neurotischen Charakter Gestalt zu geben. "Es macht einen Riesenspaß."</P><P>Doch bevor Michael Schade sich dem Römer wieder mit Haut und Haaren widmet, muss er noch loswerden, wie gern er doch einmal an der Bayerischen Staatsoper singen würde. Sein Heimathafen ist die Wiener Staatsoper, aber "Österreich und Bayern sind einander doch verwandt", lacht der München-Fan. Geplant ist zwar schon bis 2007, "aber es gibt immer Lücken, und ich käme auch für drei Ottavios." Dann sicher wieder mit längerem Haar.</P>

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