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Zwei erfolgreiche Versuche, Schrekers Opern wieder auf die Bühne zu holen: An der Deutschen Staatsoper Berlin läuft „Der ferne Klang“ (Bild) mit Anne Schwanewilms, bei den Salzburger Festspielen gab es im Sommer 2005 „Die Gezeichneten“ ebenfalls mit Anne Schwanewilms.

Augsburger Schreker-Projekt: Rettung eines Erfolgreichen

Augsburg - Es ist wie ein später Sieg der Nazis: Franz Schreker, einer der beliebtesten Komponisten seiner Zeit und dann als entartet gebrandmarkt, wird kaum mehr aufgeführt. Augsburg stemmt nun ein Schreker-Projekt, im Mittelpunkt die Oper „Der ferne Klang“.

Ausgerechnet beim wichtigsten Projekt der Saison, ausgerechnet beim „Fernen Klang“ musste es passieren. Drei Tage nach Probenbeginn sagte Regisseur Nicholas Broadhurst aus Krankheitsgründen ab – und brachte die Chefetage des Augsburger Theaters ins Rotieren. Man wurde in der Nachbarschaft fündig: Renate Ackermann, szenische Leiterin des Diplom-Studiengangs Gesang/ Musiktheater an der Bayerischen Theaterakademie in München, sprang ein. „Unsere Retterin – und was für ein Glücksfall“, wie es Ralf Waldschmidt, Augsburgs Operndirektor, formuliert.

Waldschmidt ist vorbelastet bei der Oper „Der ferne Klang“. Er betreute als Dramaturg die Berliner Inszenierung von Peter Mussbach (linkes Bild oben). Und als man sich auch für Augsburg einen Schreker überlegte, sei man „wie aus einem Munde“ auf das 1912 in Frankfurt am Main uraufgeführte Werk gekommen, das seinerzeit wie aus dem Nichts enorme Aufführungszahlen erzielte.

Dabei erfüllt es kaum die Voraussetzungen gängiger Opernlibretti: kein Standard-Techtelmechtel inklusive eines bösen Rivalen, keine Handlung aus dem Sagenschatz, keine Literaturvertonung. Schrekers Held ist Komponist, heißt Fritz und ist auf der Suche nach einem Ideal, dem „Fernen Klang“. Er schert sich dabei wenig um die ihn liebende Grete, die es als Edel-Prostituierte nach Venedig verschlägt. Erst am Ende erkennt Fritz, dass er auf seiner blinden Suche sein persönliches Glück zerstört hat. Vor Symbolhaftem scheint das Stück schier zu Bersten, und was nicht offen gesagt wird, spricht überdeutlich aus der opulenten, filigran schillernden Klangsprache.

„Anfang des 20. Jahrhunderts hat Schreker mit dieser Oper den Nerv der Zeit getroffen“, sagt Waldschmidt. „Unter dem Einfluss von Sigmund Freud hat das Thema Sexualität erstmals seine ganz eigene Opernsprache gefunden. Es ist Schrekers faszinierendstes, reichstes, auch sein krudestes Stück.“ Ein Stück, das damals sofort verstanden wurde: „Der ferne Klang“ kam auf gewaltige Aufführungszahlen. Schrekers Opern verwiesen sogar die seines Konkurrenten Richard Strauss auf die hinteren Plätze – kaum vorstellbar im heutigen Musikleben, wo das Werk des (auch geschäftstüchtigen) Strauss einen Schatten auf die verfemten Komponisten des „Dritten Reichs“ wirft. Oder ist womöglich Schrekers Erfolg eher eine Zeiterscheinung? „Wir müssen dazu doch nur unsere Jugendlichen anschauen“, wendet Dirk Kaftan ein, Dirigent des „Fernen Klangs“ und Augsburger Generalmusikdirektor. „Wie die mit Sexualität umgeht, wie sich Verdrängtes andere Wege sucht, das ist auch Schrekers Thema.“

Für Kaftan ist die Premiere am 28. Februar der erste Schreker. Zunächst sei er dieser Musik mit Lust und einem sehr „bauchigen Gefühl“ begegnet. „Die wichtigste Aufgabe ist es daher, Licht ins Dickicht dieser Emotionen zu bringen, all die Farben und Gedanken erst einmal zu ordnen. Man kommt sich vor wie ein Klang-Architekt.“

Schrekers Aufbruch in ein psychologisches Musiktheater, das experimentelle Konstruktionslust mit betörenden, wie dem Unbewussten entstiegenen Klängen verbindet, fand seine Fortsetzung in Opern wie „Die Gezeichneten“, „Irrelohe“, „Der singende Teufel“ oder „Der Schmied von Gent“. Der Erfolg führte zur beruflichen Beförderung: Der in Monaco geborene, später in Wien lebende Schreker leitete dort eine Kompositionsklasse und wurde nach dem Umzug nach Berlin Direktor der Musikhochschule. Bereits in den Zwanzigerjahren musste sich der als „Halbjude“ Gebrandmarkte Anfeindungen gefallen lassen. 1932 zog er auf Druck der Nazis die Uraufführung der Oper „Christophorus“ zurück und wurde auch aus seinem Direktorenamt gedrängt. Innerlich gebrochen, starb Schreker 1934 an einem Schlaganfall.

Von der Verunglimpfung durch die Nationalsozialisten sollte sich das Werk Schrekers nie wirklich erholen. Immer wieder kam es zu vereinzelten Reanimations-Versuchen – und das Muster blieb dabei oft dasselbe: Publikum und Kritik zeigten sich begeistert, doch die Anstrengungen versickerten bald. Umso höher ist die Augsburger Premiere des „Fernen Klangs“ zu bewerten – zumal sich auch München in Sachen Schreker sträflich zurückhält und lieber seinem „Hausheiligen“ Strauss huldigt. In Augsburg wird die Neuproduktion eingebettet in eine kleine Veranstaltungsreihe, die den oft nichtsahnenden Musikfreund mit dieser aufregenden Kunst bekanntmachen will. Start ist am Sonntag mit einer Einführungsmatinée zum „Fernen Klang“.

Dass dieses hochkomplexe Stück keine leichte Aufgabe fürs dortige Stadttheater ist, räumen die die Verantwortlichen gern ein. „Unseren Apparat fordert das bis an die Grenze“, sagt Operndirektor Ralf Waldschmidt. Und Dirigent Dirk Kaftan berichtet von vielen „kleinteiligen Proben“, in denen er sich zum Teil die Instrumentengruppen einzeln vornahm. Auch die Solisten, darunter Sally du Randt als Grete und Mathias Schulz als Fritz, mussten erst „die experimentellen Zonen zwischen Sprechen und Singen“ (Waldschmidt) ausloten.

Kaftan empfindet es als Vorteil, dass diese Premiere nicht wie bei Theater-Hits mit Hör-Erwartungen belastet ist. Überdies habe ihn Franz Schrekers Sujet des „Fernen Klangs“ sofort angesprochen: „Da will einer die Liebe, das Leben und die Kunst in Einklang bringen – an nichts anderem versucht sich ja auch der gemeine Künstler im Alltag des 21. Jahrhunderts“, sagt Kaftan lächelnd. Und dass dem Tonschöpfer damit ein gänzlich untypisches Stück gelungen ist, empfindet Augsburgs GMD als großen Reiz: „Hier widerspricht einer dem Ideal, dass Kunst nur unter größtem Leiden entstehen kann – eine wunderbar nichtdeutsche Haltung.“

Markus Thiel

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