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Im Palais Leuchtenberg am Münchner Odeonsplatz, wo heute das Finanzministerium untergebracht ist, befand sich das Auktionshaus von Adolph Weinmüller.

Auktionshaus stellt sich seiner NS-Vergangenheit

München - Keine Scheu vor braunen Flecken: Das Auktionshaus Neumeister in München arbeitet seine NS-Historie auf – als erster Kunsthändler Deutschlands.

Unter den Tisch kehren, leugnen, verdrängen oder lügen. Wenn es um die eigene Rolle im NS-Staat ging, begnügten sich viele deutsche Firmen nach dem Zweiten Weltkrieg mit Strategien wie diesen. Erst seit Kurzem ändert sich etwas: 2011 ließ die Industriellenfamilie Quandt ihre Geschichte kritisch beleuchten, jüngst widmete sich der Alpenverein seiner Historie unterm Hakenkreuz.

Nun arbeitet erstmals auch der Münchner Kunstmarkt seine Vergangenheit auf: Die Wissenschaftlerin Meike Hopp hat die Geschichte des Auktionshauses Neumeister untersucht – auf Wunsch der Geschäftsführung. Die Ergebnisse fasst ihr Buch „Kunsthandel im Nationalsozialismus. Adolf Weinmüller in München und Wien“ zusammen.

Mit dem kritischen Blick auf die eigene Firmenvergangenheit betritt Katrin Stoll, Inhaberin von Neumeister, Neuland. Kein anderes Unternehmen aus dem deutschen Kunsthandel hat einen solchen Schritt bisher gewagt. „Es gab durchaus Leute, die mich fragten: Warum machst du das?“, sagt Stoll, die das Auktionshaus an der Barer Straße 2008 von ihrem Vater übernommen hat. Einen wichtigen Impuls für ihre Entscheidung lieferte die Washingtoner Erklärung von 1998. Damals willigten 44 Staaten, darunter die Bundesrepublik, darin ein, alle während der NS-Zeit beschlagnahmten Kunstwerke zu identifizieren und die Erben der früheren Eigentümer zu entschädigen. „Als mündiger Bürgerin war mir klar: Auch ich ich muss hier noch ein Stück Hausaufgaben machen.“ Die Hausaufgaben betreffen die Zeit vor dem Jahr 1958. Damals übernahmen Stolls Eltern, Christa und Rudolf Neumeister, das Auktionshaus von Adolph Weinmüller. Dieser Weinmüller, insbesondere sein Wirken zur Nazizeit, steht im Zentrum des ambitionierten Forschungsprojekts. Der Kunsthändler war seit 1921 in München tätig. 1931 trat er der NSDAP bei. Als Sachverständiger der Industrie- und Handelskammer nahm er indirekt Einfluss auf die „Arisierung“ der Galerien und Auktionshäuser in München, sprich auf deren Enteignung. Im Herbst 1935, kurz nachdem die Nazis dem jüdischen Galeristen Hugo Helbing die Versteigerungserlaubnis entzogen hatten, beantragte Weinmüller die seine. Kein Zufall. Immerhin stand Weinmüllers Auktionshaus fortan ohne Konkurrenz da. Durch seine Hände ging meist Kommissionsware, angeliefert von der Gestapo oder zur Emigration gezwungenen Sammlern, die ihre Kunst billig verhökern mussten. Unter den Prachtstücken befanden sich auch Zeichnungen von Leonardo da Vinci, Michelangelo und Dürer. 1938 übernahm Weinmüller darüber hinaus ein renommiertes jüdisches Kunsthaus in Wien. Zu seinem Kundenkreis zählten NSDAP-Funktionäre wie Martin Bormann. Zudem erwarben die Nazis über Weinmüller Gemälde für das in Linz geplante „Führermuseum“. Jahrelang befand sich sein Münchner Auktionshaus an einer der exklusivsten Adressen: im Palais Leuchtenberg am Odeonsplatz.

Über 350 Seiten Information hat die Kunsthistorikerin Meike Hopp über den später als „Mitläufer“ eingestuften Weinmüller zusammengetragen. Unterstützt wurde sie dabei nicht nur vom Auktionshaus Neumeister, sondern auch vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München. Über die generellen Mechanismen des Kunsthandels unter dem NS-Regime, die Verstrickungen von Privatleuten, Staat und Museen, scheut sie sich allerdings, eine klare These zu formulieren. „Mir war vorher selbst nicht bewusst, wie komplex die Zusammenhänge sind. Wir stehen grundsätzlich noch am Anfang dieses Forschungsbereichs.“ Auch von der Person Weinmüllers möchte die Autorin kein abschließendes Bild zeichnen. „Es gibt keinen Privatnachlass, wir haben nicht mal ein Foto von ihm“, sagt Hopp. „Weinmüller handelte wohl primär aus wirtschaftlichem Kalkül, aber ich kann dezidiert antisemitische Hintergründe nicht ausschließen.“

Wie der deutsche Kunsthandel auf das Buch reagieren wird, können die Münchner Pioniere nicht abschätzen. Es gebe jedoch Anzeichen, dass auch andere Häuser mit der Idee einer NS-Bewältigung spielten. Vor Kritikern und Vorwürfen der „Nestbeschmutzung“ fürchtet sich Neumeister-Chefin Katrin Stoll jedenfalls nicht. „Was haben wir zu verlieren? Das, was ich persönlich dadurch gewinnen kann, wiegt alle Schwierigkeiten auf.“

Von Katrin Hildebrand

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