Aura eines Ölgemäldes

- Krähen, soviel steht fest, sind Leopold Ullstein stets unheimlich gewesen. Wohl weil er dabei ein Bild seiner Kindheit in Fürth vor Augen hatte: "Wenn die Bauern die Zahl der Saatkrähen vermindern wollten, fingen sie zunächst eine Eule, ketteten sie auf einem Stein fest und warteten dann mit der Schrotflinte auf den Angriff des Krähenschwarms. Was dabei mit der Eule geschah, war ungewiss." Vielleicht dachte Ullstein genau daran, als er die Eule zum Markenzeichen seines Verlags, das zur Insignie eines Imperiums werden sollte, auserkor.

<P>"Ullsteinroman" heißt Sten Nadolnys Geschichte dieses Unternehmens, das vor allem ein inspiriertes und charismatisches Porträt dieser Familie ist, ein tableau vivant mit der Aura eines Ölgemäldes und der Tiefenschärfe einer Fotografie. Inmitten thront der Urvater Leopold Ullstein, umringt von seinen Kindern und Kindeskindern, immer wieder schlendern berühmte Persönlichkeiten durchs Bild, vertieft in ein Gespräch oder einfach nur auf dem Weg zum Tennismatch. Nadolny meidet den dicken Pinselstrich, ist ein feiner Charakterzeichner, hält die guten wie bösen Blicke fest, die die Abgebildeten sich zuwerfen, lässt sie alle ihre Posen einnehmen, enthält sich aber nie der deutlichen Worte darüber.</P><P>Leopold Ullstein, geboren 1826, wuchs hinein in des Vaters Papierhandlung. Doch Leopold wollte weg aus der fränkischen Provinz. Ein Bekannter riet ihm: "Gehen Sie nach Berlin! Die Einwohner sind ein roher, harter Menschenschlag, aber irgendwann werden sie zivilisiert sein, dann hat die Stadt so etwas wie eine Zukunft." Und ein anderer sagte: "Ullstein, Sie sollten weiter Papier verkaufen! </P><P>Aber in bedruckter Form."<BR>Zehn Kinder des Verlegers</P><P>Ullstein ging nach Berlin, gründete einen Zeitungsverlag. Er schien ein außergewöhnliches Gespür dafür zu haben, wie man Leser erfreut und ihre Zahl vermehrt. Das Geld, das er der unterhaltungslustigen Masse mit Boulevardblättern entlockte, steckte er in politisch ambitionierte Projekte wie seine "Vossische Zeitung". Er war zwar Kaufmann, aber dennoch Idealist. Und vor allem Familienvater: Leopold Ullstein war zweimal verheiratet, hatte zehn Kinder, die ebenfalls keine Kleinfamilie anstrebten. Tatsächlich wäre kaum eine Leinwand groß genug, um die ganze Bande darauf festzuhalten, denn in diesem Hause galt: "Eins und eins machte nicht zwei, sondern irgendetwas zwischen drei und fünfzehn."</P><P>Nadolny hat seinem Roman einen Stammbaum der Ullsteinschen Dynastie beigefügt: Im Gewirr der vielen Äste und Verzweigungen kann man schon mal den Durchblick verlieren. Während Leopolds fünf Söhne noch einträchtig das Unternehmen gemeinsam führen, da jeder seine eigenen Talente dafür zu nutzen weiß, bricht mit der nächsten Generation der Zwist aus, weil einer der Alten noch einmal heiratet. Eine sehr junge und - noch schlimmer - intelligente Frau. Die Angst um die Erbschaft lässt Leopolds Enkel eine Intrige schmieden, die peinlich für sie endet. In den Gazetten, auch den eigenen, nennt man den Fall "Ullsteinroman".</P><P>Nadolnys "Ullsteinroman" erzählt nicht nur von derlei Interna, sondern entwirft zudem ein beeindruckend genaues Panorama der Zeit, ihrer Umstände, Erfindungen und Krisen: Industrialisierung, Telekommunikation, Erster Weltkrieg - denn damit ist diese Familie schließlich groß geworden. Das Jahrhundert der Ullsteins und ihres Unternehmens - und mit ihm Nadolnys Roman _ endet mit dem Aufstieg Adolf Hitlers. 1934 wurde der Ullsteinverlag "arisiert" - Leopolds Enkel Heinz hatte sich zwar bei den Nazis angebiedert, das aber nutzte nichts: Ullsteins waren Juden. Erst als die Krähen in Nürnberg vor Gericht standen, haben sich die Eulen ihr Eigentum zurückgeholt.</P><P>Sten Nadolny: "Ullsteinroman". Ullsteinverlag, München, 495 Seiten; 24 Euro.</P><P>Der Autor liest heute, 20. 30 Uhr, im Münchner Literaturhaus aus seinem Roman. Karten unter: 089/ 29 19 34-27<BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Das Residenztheater bietet der Welt eine Bühne
Die Welt zu Gast bei Freunden: An diesem Wochenende hat „Welt/Bühne“ Premiere im Marstall. Wir sprachen über das internationale Autoren-Projekt mit Sebastian Huber, …
Das Residenztheater bietet der Welt eine Bühne
Kris Kristofferson im Circus Krone: Country und Folk im Punkrockformat
Am Dienstag speilte Kris Kristofferson im nicht ganz ausverkauften Circus-Krone. Statt vieler Ansagen gab es ein ambitioniertes Pensum an Songs. Trotzdem fehlte dem …
Kris Kristofferson im Circus Krone: Country und Folk im Punkrockformat
Weltkino mit rabenschwarzem Humor
158 Produktionen aus 43 Ländern sind beim Münchner Filmfest vom 28. Juni bis 7. Juli zu sehen – der Vorverkauf hat begonnen.
Weltkino mit rabenschwarzem Humor
Peter Konwitschny inszeniert Straus: Mit den Waffen der Operette
Wie andere könnte man sich über die Operette lustig machen. Oder man nimmt den „Tapferen Soldaten“ so ernst wie Peter Konwitschny bei seinem späten Debüt am …
Peter Konwitschny inszeniert Straus: Mit den Waffen der Operette

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.