Die Aura des Genies ist gewahrt

- "Keine Förderung künstlerischer Belange! Es muss sich alles selbst erhalten. Auch große Institutionen gehören nicht subventioniert. Da gehört ein kaufmännisches Prinzip her: ,Friss oder stirb. Dadurch ist ja hier alles Kulturelle kaputt, weil alles unterstützt wird. So groß kann der Blödsinn gar nicht sein, den einer macht, dass ihm nicht die Subventionen hinten hineing'steckt werden, und ihn ruinieren . . .

<P>Ist ja in einem Satz gesagt: Alles abschaffen, was Subvention und Förderung ist." In seiner "charakteristischen Übertreibungswut", wie sie ihm seine Biografin Gitta Honegger bescheinigt, war Thomas Bernhard immer gut, da so herrlich spektakulär. Seine Interviews, ob im Fernsehen (aus dem das Eingangszitat stammt, 1984) oder in den Zeitungen, hatten Seltenheitswert und Sprengkraft zugleich. Wenn er zum Gespräch bereit war, dann neigte er in seinen Meinungen zu einer Radikalität, die, wären andere der gleichen Ansicht gewesen, ihm selbst zum Schaden gereicht hätte. </P><P>"Hätte ich, was alles zusammen heute meine Existenz ist, nicht tatsächlich durchgemacht, ich hätte es wahrscheinlich für mich erfunden und wäre zu demselben Ergebnis gekommen."<BR>Thomas Bernhard in "Der Keller"</P><P>Denn Thomas Bernhard war dank der finanziellen Unterstützung durch seine lebenslange, 30 Jahre ältere Gefährtin Hede Stavianicek immer etwas besser gestellt als viele seiner Kollegen. Und die Aufführungen seiner Dramen an den Theatern hätten, wären diese Häuser nicht öffentlich subventioniert, vermutlich nie stattgefunden. Aber es war, ist und wird immer das Vorrecht des Genies bleiben zuzuspitzen, zu provozieren, im Denken kompromisslos zu sein.<BR><BR>Am 12. Februar 1989 ist Thomas Bernhard im Alter von 58 Jahren in Gmunden gestorben. Anlässlich seines 15. Todestages erschien jetzt eine umfassende Biografie dieses österreichischen Dichters, der sowohl als Prosaautor (u. a. "Alte Meister", "Holzfällen", "Die Auslöschung") als auch als Dramatiker gleichermaßen ein Schriftsteller allerersten Ranges ist.<BR><BR>Die Autorin Gitta Honegger, gebürtige Wienerin und als amerikanische Theater- und Literaturwissenschaftlerin anerkannte Bernhard-Spezialistin, zeichnet in ihrem Buch ein sehr detailliertes und genaues Bild eines im privaten Leben äußerst widersprüchlichen Mannes, der mit seinen Stücken wie zum Beispiel "Der Ignorant und der Wahnsinnige", "Die Macht der Gewohnheit", "Der Weltverbesserer", "Der Schein trügt", "Heldenplatz" oder "Der Theatermacher" ein großes Publikum erobert hat. Ihre Quellen sind über vorhandene Dokumente hinaus Bernhards autobiografische Erzählungen sowie Aussagen von Zeitgenossen.<BR><BR>Dabei streift Gitta Honegger seine Kindheit, die problematische Herkunft, die armselige, uneheliche Geburt am 9. Februar 1931 im holländischen Heerlen sowie die Tatsache, dass Bernhards Vater seinen Sohn nie anerkannt hat, das belastete Verhältnis zum Stiefvater und die innige Verbindung des Jungen zu seinem heimatdichtenden Großvater Johannes Freumbichler. Immer wieder ergreifend und zugleich erstaunlich: die Erfahrungen des Zeit seines Lebens schwer lungenkranken Thomas Bernhard in den schäbigen Spitalen des Landes und wie er aus diesem Leiden seine Kunst sog, ja, sie zu einer ästhetischen Größe stilisierte.</P><P>Nicht ausgelassen werden in dieser kritischen Biografie die homoerotischen Neigungen Thomas Bernhards sowie sein Talent zur "Mé´nage à` trois", wenn sich nämlich die Ehefrauen seiner Freunde und Gönner in das Genie verliebten. Ein bisschen skandalumwittert - das konnte nur förderlich sein für den eigenen Personenkult. So hielt der Dichter sich stets im Gespräch der Wiener Neureichen-Gesellschaft, die sich nur zu gern mit dem Geistesadel eines Thomas Bernhard schmückte. Ein in großen Teilen selbstinszeniertes Leben. Biografin Honegger konstatiert: "Bernhard war offenbar ein Meister auch dieser Art Komödie. Und er spielte seine Partner um jeden Lacher schamlos aus. Die gerade nicht Beteiligten amüsierten sich bestens, wenn ein Rivale in einem seiner Bücher bloßgestellt wurde - bis sie selbst an die Reihe kamen."</P><P>Dieses Buch ist eine dem Dichter so ergebene wie strenge und unbestechliche Charakter- und Lebensbeschreibung, in der natürlich sein kongenialer Regisseur, Freund und Förderer Claus Peymann einen besonderen Platz einnimmt. Noch einmal werden, nun auf dem Papier, all die Theaterschlachten geschlagen - und gewonnen.<BR><BR>Das ist insgesamt äußerst informativ, erhellend und trotz größter wissenschaftlicher Akribie sehr unterhaltsam. Was aber diese Biografie über das Standardwerk-hafte hinaus zu einem ganz besonderen Buch macht: Bei aller analytischen Genauigkeit ist es Gitta Honegger von der ersten bis zur letzten Seite gelungen, das Geheimnis Thomas Bernhard, die Aura des Genies, das Rätselvolle des großen Künstlers zu wahren.</P><P>Gitta Honegger: "Thomas Bernhard - ,Was ist das für ein Narr?". <BR>Biografie. <BR>Propyläen Verlag, München. 454 Seiten, <BR>42 Euro.<BR><BR><BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
München - Wer das Wort „fantastisch“ im Namen führt und auszieht, sein Best-of unters Volk zu bringen, der hängt die Messlatte hoch. Die Fantastischen Vier erfüllen den …
Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
Im Reich von Mode und Magie
Zürich - Spätestens seit dem Terroristen-Epos „Carlos“ ist der französische Filmemacher Olivier Assayas auch deutschen Kinofans ein Begriff. Sein preisgekröntes Drama …
Im Reich von Mode und Magie
Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
München - Hansi Kraus ist der ewige Lausbub - auch, weil er diesen in Ludwig Thomas Lausbubengeschichten verkörpert. Im Interview spricht Kraus auch über die …
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“

Kommentare