Die Aura des Klicks

- Bildbände gehören zu den Geschenkklassikern: repräsentativ, meist hochpreisig, unglaublich vielfältig - vom Fan-Schmöker bis zur WM-Schwelgerei, von Landschaftsträumen bis zu Architekturdetails, von der Künstlermonografie bis zur Archäologie - und schlicht schön. Ideale Gaben also für all die Lieben - aber auch für sich selbst.

<P>In den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren wurde das Medium Fotografie grundsätzlich neu bewertet. Es wurde nicht nur immer wichtiger, es wurde auch immer höher eingeschätzt. Was vormals als Dokumentation firmierte, wurde als Konzeptkunst bezeichnet (zum Beispiel Hilla und Bernd Becher), was Glanz und Glitter war, bekam die Aura von Zeitlosigkeit (Richard Avedon). Kunstmuseen zeigen Fotografien aus allen Bereichen, sodass die guten, alten Fotomuseen fast um ihre Existenz bangen müssen. Jahr für Jahr erscheinen mehr Fotobände, denn gerade Aufnahmen lassen sich leichter nachdrucken als Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen. So gibt's auch heuer zahlreiche derartige Publikationen. Hier eine kleine Auswahl.</P><P>Ein grünblauer Hauch von seidenem Lotter-Pfuhl und ein großes, knallig rotes Herz. In diesem Arrangement ruht mit hochgezogenem Popo ein Model, Objekt der Begierde, geklont aus Baby Doll und Lulu. 1980 entstand diese Aufnahme von Guy Bourdin. Mit ihr blättert der Münchner Verlag Schirmer/Mosel eine "archeology of elegance" auf, und zwar 20 Jahre Modefotografie von 1980 bis 2000 (363 Seiten, 78 Euro). Die Herausgeber Marion de Beaupré´, Sté´phan Baumet und Ulf Poschardt haben 215 Bilder von insgesamt 62 Fotografen zusammengestellt; gegliedert in die Kapitel Glamour, Punkrock, Hightech und Futurismus sowie Kunst. Wobei es im letzteren Abschnitt ziemlich viele unverfrorene Nachahmungen von "wirklichen" Foto-Künstlern gibt, die sich dann doch als fantasievoller und innovativer erweisen als ihre Kollegen von der Mode-Zunft. Aber auch ansonsten wird im visuellen Wald gewildert _ vom Science-Fiction-Film bis zum Videoclip. Optische Ideen sind halt nicht endlos abrufbar. Da freut einen doch so eine kreative Unverschämtheit wie die von Andrea Giacobbe (2000). Ein seriöser Herr, dem man trotzdem keinesfalls in einer dunklen Gasse begegnen möchte, stellt sich mit Namensschildchen vor: "Hello, my name is GOD". </P><P>Zu den bedeutendsten deutschen, "wirklichen" Foto-Künstlern zählt Thomas Ruff. Seinem Werk ist der Band "Thomas Ruff _ Fotografien 1979-heute" gewidmet (Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln; 267 Seiten, 49,80 Euro), der gleichzeitig als Katalog für die Retrospektive dient. Sie tourt gerade durch Europa. Bekannt geworden ist Ruff mit seinen Porträts. Sie zitieren zwar von Ferne die alte malerische Bildnistradition, auch die fotografische. Aber beide Linien durchkreuzt der Künstler, denn er inszeniert nicht, stellt niemanden in Positur, schafft keine Aura um die Personen. Sie blicken einen meist frontal an, sind wie sie in diesem einen Augenblick des Kameraklicks eben waren: mit widerspenstigen Haarsträhnen, schlechter Rasur, Leberfleckchen oder Pickeln. Neben der kompromisslosen Individualisierung sucht Ruff auch das Allgemeine: vom Weltraum über den anonymen Stadtraum bis hin zum globalen Raum des Internets. Dort gefundene Porno-Bilder hat er in der "nudes"-Serie bearbeitet und verfremdet. Der Einzelne steht dem Betrachter nicht als Gleicher gegenüber wie bei den Porträts, die ja wie Spiegel wirken, sondern wird zum verfügbaren Nutz-Gegenstand.</P><P>An die schwierige, weil leicht ins Süßliche abgleitende Blumen-Fotografie hat sich Elfriede Mejchar mit "Flower Fade _ Blühen Verblühen" gewagt (Christian Brandstätter Verlag, Wien; 36 Euro). Für den Essay zu ihrem Versuch über Werden und Vergehen, frische Schönheit und Schönheit des Verfalls konnte André´ Heller gewonnen werden. Mejchar (1924 geboren), die in Wien lebt, beobachtete mit ihrer Kamera konsequent das "Leben" von vor allem Amaryllis, Tulpen, aber auch Mohnblumen und Pfingstrosen sowie Iris. Und so herrlich die Blumen auf ihrem Daseins-Höhepunkt sind, so zeigt uns die Fotografin in deren Welksein eine größere Vollkommenheit: Die ätherischen Wesen symbolisieren auf ihre Art Transzendenz.</P><P>Weder derartig besinnlich noch tief gehend will "Happy Together _ Hollywoods unvergessliche Paare" des Münchner Prestel Verlags sein (95 Seiten, 19,95 Euro). Das ist ein echtes Fotobuch zum Schmunzeln _ und naturgemäß zum Schwärmen. Weniger der ausgefuchste Cineast kommt hier auf seine Kosten als der ganz normale Kino-Geher. Und mit "Paaren" wird durchaus nicht der Klatsch aus den einschlägigen Druckerzeugnissen neu aufgerührt. Es handelt sich um die veritablen Film-Duos, die nicht immer aus Frau und Mann bestehen müssen. Oder wer könnte bestreiten, dass Jack Lemmon und Walter Matthau eines der besten "seltsamen Paare" gewesen ist; aber auch John Belushi und Dan Aykroyd ("Die Blues Brothers") sind einzeln schwer vorstellbar. Und Susan Sarandon war im Team mit Geena Davis wesentlich eindrucksvoller ("Thelma & Louise") als das farblose Liebespaar Kate Winslet und Leonardo DiCaprio ("Titanic"). <BR></P>

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