Mit der Aura der starken Frau

- "Ein bisschen scheu heute, wie?" fragt Patricia Kaas in diesem wunderbar französisch gefärbten Deutsch, als das Münchner Publikum ihre ersten Nummern zwar frenetisch beklatscht, sich aber beim Mitsingen zurückhält. Für eine wie Patricia Kaas ist das nicht genug. Sie gibt alles auf der Bühne, und sie will etwas zurückbekommen von der Leidenschaft, die sie so verschwenderisch in den Saal schleudert.

<P>Also kündigt sie charmant, aber bestimmt an, von nun an dürfe jeder in der fast ausverkauften Philharmonie machen, wozu er Lust habe. Beispielsweise auf ihr Signal hin singen oder klatschen oder aufstehen und tanzen. <BR><BR>Pop, Blues, Rock und Chanson</P><P>Das klappt dann auch exzellent. Die Halle steht teilweise buchstäblich Kopf, und Kaas fordert mitunter forsch noch mehr Jubel, um sich dann mit Kleinmädchen-Lächeln artig zu verbeugen. Das klingt kokett, aber ihr ist es ernst. Sie braucht den Beifall, die Begeisterung und die Bewunderung. Je euphorischer die Stimmung wird, desto entfesselter tobt sie über die Bühne und ist gegen Ende kaum noch zu halten. Viel besser kann ein Konzert gar nicht mehr sein. Wie so viel Energie in so eine zierliche Person passen kann, ist ein Mysterium. <BR><BR>Aber eben diese paradoxe Aura der starken Frau, die melancholisch über unerfüllte Sehnsucht, den Schmerz des Verlusts und die Vergänglichkeit der Liebe singt, macht ihre Faszination aus. Nicht zuletzt deswegen ist die 37-Jährige in ihrer Heimat Frankreich ein Superstar, wie es ihn im deutschsprachigen Raum nicht einmal ansatzweise gibt. Und auch musikalisch ist Kaas eine Frau der Gegensätze. Eingängiger Pop liegt ihr ebenso wie schwerblütiger Blues, geradliniger Rock oder - natürlich - das klassische Chanson. Unverwechselbar werden ihre Lieder durch ihre faszinierende Stimme. So überwältigend und doch nuanciert, so hart und doch verletzlich klingt nur Patricia Kaas.<BR>Mühelos wechselt sie von einem Genre ins andere und trifft virtuos immer den richtigen Ton. Und die richtige Geste.<BR><BR>Vor der grandios kitschigen Bühnendekoration, die aussieht, als hätte jemand Graf Draculas Schloss mit Weihnachtsschmuck verschönert, stimmt jede Bewegung, ohne je gekünstelt zu wirken. Unterstützt von einer sympathisch aufgekratzten Band, überzeugt Kaas als elegante Chansonette und als mitreißende Entertainerin gleichermaßen. Zwischendurch leistet sie sich sogar den Spaß, in Lederhosen als eine Art Hüpfzwerg eine komische Einlage zu bringen. Am schönsten wird es aber immer dann, wenn Kaas ganz ruhig auf der Bühne sitzt und beispielsweise im unwiderstehlich minimalistisch arrangierten "Je voudrais connaître" für einen winzigen Moment den Blick auf eine verzweifelte Seele frei gibt, die Applaus braucht, um erlöst zu werden. Jeden Abend aufs Neue. </P>

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