„Aus Oberammergau musste Rom werden“

München - Wenn am Freitagabend Shakespeares „Antonius und Cleopatra“ Premiere in Oberammergau feiert, entspinnt sich auf der Bühne des Passionstheaters ein Machtkampf zwischen Ägypten und Rom. Die Kulisse hat Stefan Hageneier geschaffen.

Antonius, der stattliche Römer, überragt die Schneiderin um zwei Köpfe. Sie streckt sich, reckt sich, doch am Ende muss eine Kollegin helfen, den schweren Mantel von seinen Schultern zu lösen. Der Stoff wird hinten gerafft, die Damen werfen einen fragenden Blick zum Bühnenrand. Dort steht Stefan Hageneier, hält den Daumen hoch. „So ist’s perfekt“, befindet er. „Andreas, wie fühlst du dich?“

Es ist das erste Mal, dass Stefan Hageneier die Kostüme auf der Bühne sieht. Genauer gesagt: die Kostüme, die er entworfen hat, auf der Bühne, die er gestaltet hat. Und er ist zufrieden. Für Christian Stückls Inszenierung von Shakespeares „Antonius und Cleopatra“ hat er auf der Bühne des Passionstheaters Rom erbaut und kurzerhand Ägypten mitten hinein gesetzt. „Frech“ nennt er das. Im Zentrum der blutroten Szenerie steht eine Pyramide, schwarzer Kies fließt eine Anhöhe hinunter zu einem Brunnen, Palmen umrahmen die Kulisse. Am Rande sammeln sich unter römischen Rundbögen junge Männer mit ihren Lanzen.

Die Verbindung zweier Weltreiche – das war die Herausforderung, die Stefan Hageneier bewältigen musste. „Auf dieser Bühne, auf der man sehr wenig umbauen kann, musste ich mich fragen: Wie erschafft man Rom und gleichzeitig Ägypten?“ Er analysierte den Text gemeinsam mit Christian Stückl, konzentrierte sich zunächst auf Rom. „Ich wollte eine Arena-ähnliche Situation schaffen, wie man sie von den Gladiatorenkämpfen kennt.“ Die runde Bauweise des Passionstheaters kam ihm entgegen, die Größe der Bühne erlaubt ein kräftiges Farbenspiel. Römisches Rot. Fehlte noch Ägypten. Stefan Hageneiers erste Idee: Die Pyramide sollte im Zentrum der Bühne stehen, in einem nach hinten versetzten Raum, der durch Türen unsichtbar werden kann, wenn die Handlung in Rom spielt. Hageneier baute ein Modell, überlegte hin und her – bis er einen Entschluss fasste: Die Türen bleiben offen. „Die verschiedenen Orte sind nun in einem Bild zusammengefasst, Ägypten ist als Störfaktor in Rom immanent.“ Dieser Gedanke passe auch zu Shakespeare: „In seinen Texten ist alles behauptet, alles ist Spiel.“ Auch deshalb bleibt das Bühnenbild relativ sparsam – anders als bei der Inszenierung von „Joseph und seine Brüder“ im vergangenen Jahr: „Ich wollte ursprünglich noch mehr an die Ästhetik von Joseph anknüpfen“, sagt Hageneier. „Aber Shakespeare hat eine kräftige, dramatische Sprache, die viel Raum braucht.“

Es ist nicht das erste Mal, dass Stefan Hageneier mit dem englischen Dichter und Christian Stückl gleichzeitig zu tun hat. Vor 22 Jahren begann in Oberammergau mit der Komödie „Was ihr wollt“ die Geschichte des Bühnenbildners und des Regisseurs, in einer gemeinsamen Theatergruppe. Später brachten sie im Ort unter anderem die Passionsspiele 2000 und 2010 auf die große Bühne.

Es ist ein ungleiches Paar, das hier wirkt. Stefan Hageneier, ein Mann mit ruhigen Augen, der äußerst bedächtig redet, freundlich lächelt, sich nicht hetzen lässt, auch wenn er am besten gleichzeitig auf der Bühne und in der Schneiderei sein sollte. Und Christian Stückl, der Mann mit den wilden Locken, der über die Szene rennt, umherspringt, auch mal schreit, wenn es der Inspiration seiner Darsteller dient – oder der eigenen.

Nun also „Antonius und Cleopatra“. An diesem Tag muss Stückl mit der Probe warten, bis die Hauptdarsteller von der Anprobe zurück sind. Er tigert ketterauchend vor der Bühne auf und ab, grinst, als Stefan Hageneier zum dritten Mal eine Palme verschieben lässt. „Ägypten“, murmelt er. Seit fünf Wochen proben sie hier jeden Abend von 19 bis 23 Uhr, am Wochenende ganztags. Bis zur Premiere werden es wohl mehr als 200 Probenstunden sein – im Vergleich mit anderen Inszenierungen Stückls eher wenig. Doch in Oberammergau herrschen nun mal andere Bedingungen.

Bedingungen, die Stefan Hageneier liebt. Er wurde, genau wie Stückl, in Oberammergau geboren, kam über die Passionsspiele zum Theater. Manchmal schauen seine Eltern bei den Proben vorbei. „Hier liegen meine Wurzeln.“ Wenn das Team zusammenkommt, kennt er viele Gesichter. Doch nicht nur die biografische Komponente reizt ihn: „Das Schöne ist, dass es hier kein festes Repertoire gibt.“ Das erlaubt unkonventionelle Arbeitsweisen: „Für ,Antonius und Cleopatra‘ konnten wir erst Stoffe sammeln – viel schwarzen Sari – und dann die Kostüme direkt an den Puppen abstecken“, sagt er. „Normalerweise muss man den Stoff nehmen, der da ist.“

Antonius’ Gewand ist mittlerweile fast fertig – und gleicht einer Rüstung: Über dem Beinkleid trägt er schwere Stiefel, ein Hemd, einen Brustpanzer und zwei Mäntel. Breitschultriger geht es kaum. „Auf der großen Bühne braucht es starke Silhouetten“, erklärt Hageneier. „,Antonius und Cleopatra‘ ist episch sehr breit, ein außergewöhnlicher Shakespeare. Vielleicht passt er deshalb so gut nach Oberammergau."

von Ann-Kathrin Gerke

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