Das Ausbluten einer Wissenschaft

- "Widerstand war völlig unmöglich. Universitäten waren und sind gegen den politischen Terror wehrlos", resümierte Heinrich Lützeler. Der spätere Ordinarius für Kunstgeschichte an der Uni Bonn wurde 1940 von der Lehre und der Forschung ausgeschlossen. Mit ihm traf es viele andere, die nicht in die Ideologie eines nationalsozialistischen Deutschlands passten: Ein Viertel der Kunst-Fachkräfte wurde aus politischen oder "rassischen" Gründen entlassen. 16 Professoren emigrierten, 250 Kunsthistoriker verließen den deutschsprachigen Raum. Mit dabei waren Größen wie Erwin Panowsky oder Nicolaus Pevsner. Die Lücken wurden nicht wieder geschlossen, der "umstrukturierte" Kunstbetrieb lief auf Sparflamme weiter. "Kunstgeschichte im Nationalsozialismus" ist also ein trauriges Stück Minimalismus und ein Beweis für die durchgreifende Propaganda-Kampagne des "Dritten Reiches".

<P class=MsoNormal>Forscher werden Räuber</P><P class=MsoNormal>Ob Kunst also politisch war und ist? Ob sie will oder nicht, so könnte man die Wanderausstellung im Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte zusammenfassen. Studenten der Uni Bonn sowie weitere Institute haben das heikle Thema löblicherweise angepackt. So, wie die Sache an sich, ist auch die Darstellung nicht gerade einfach. Mit vielen bislang unbekannten Dokumenten, originalen Foto- und Tonaufnahmen hat man versucht, persönliche Geschichte und die der Institute anschaulich zu machen. Die "Bildmedien", vor allem die Lehrtafeln der TH Karlsruhe, des Ordinarius Karl Wulzinger geben hier als historisch gegliederte Scheiben schon einen erschütternden Einblick, welchen Stellenwert das "Dritte Reich" hatte. Erstaunlich mutet da das Anliegen des Bonner Dozenten Alfred Stange an, Material über "entartete Kunst" für die Lehre und Anschauung anschaffen zu dürfen - mit der Garantie natürlich, die Objekte für Unbefugte unter Verschluss zu halten.</P><P class=MsoNormal>Der Spielraum der Professoren war sehr unterschiedlich: Vorträge über den Wert der deutschen Kunst im Ausland wurden gern gesehen. In Paris sollte 1942 bis '44 die Kunsthistorische Forschungsstätte der Nation zu mehr Ansehen verhelfen. Der studentische Nachwuchs wurde durchaus auch auf Exkursionen geschickt. Dafür musste er sich jedoch mit einschlägigen politischen und fachlichen Qualitäten gleichermaßen bewähren. Führungszeugnisse und SS-Lebensläufe geben hier einen bitteren Einblick.</P><P class=MsoNormal>Weitere Ausuferungen der NS-Ideologie fanden im so genannten "Kunstschutz" statt, der in besetzten Gebieten Kulturgut zu "retten" versuchte. 360 000 Fotos aus Belgien und Frankreich sowie die Unterlagen der "Ostforschung" verdeutlichen, wie weit der gierige Arm der Nazis reichte.</P>Bis 15. Juni, Tel. 089/ 28 92 75 57, 20 Euro.

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