Ausflüge zur Kunst: Orte, an denen Orff weiterlebt

Dießen - Die Sommerferien-Reihe "Ausflüge zur Kunst" führt zu Edlem und Kuriosem, Kulinarischem und fein Gesponnenem, zu schönen Aus- und Einblicken in Stadt und Land. Und das alles ganz in unserer Nähe. Heute laden wir nach Dießen am Ammersee ein.

"Alle meine Spaziergänge und Ausflüge gingen meist zum Ammersee", schwärmte Carl Orff. "Ein See war für mich der Inbegriff von Ferien und Erholen, Baden und Sonnen und Kahnfahren. Aber auch Nachsinnen und Ausdenken. So verbinden viele Fäden mein Werk und meine Arbeit mit meinem See." Doch wie jeder See hat auch der Ammersee zwei Ufer, die auf gewisse Weise miteinander konkurrieren: Im Osten liegt Andechs, wo Orff begraben werden wollte, im Westen aber liegt Dießen, wo er von 1955, seinem 60. Lebensjahr an dauerhaft leben wollte.

Tatsächlich waren es zwei Dießener Bürger, die den Anstoß gaben, dass er auch nach seinem Tod bis heute in ihrer Ortschaft weiterlebt: nicht nur durch seine Ehefrau und Tochter, sondern auch im weltweit einzigen Carl Orff Museum, das 1991 hier eröffnet wurde (Sa., So. 14-17 Uhr, Tel. 08807/ 91981). Dies berichtet Rotraud Freytag, die seit 2006 mit dem Ehepaar Monika und Wolfgang Noack das Museum leitet.

Zu ihren Errungenschaften gehört ein Computerterminal, an dem man sich durch das Orffsche Gesamtwerk hören kann. Im Untergeschoss läuft eine Videodokumentation über den 1895 in München geborenen Komponisten. Gern würde Freytag mehr Konzerte veranstalten, doch dazu fehlt der Platz. Diesen Stich muss sie an den Andechser Florian-Stadl abgeben, wo die Orff-Festspiele heuer ihr Zehnjähriges feiern.

Der Raum des Museums ist klein bemessen ­ doch dafür perfekt genutzt: Ansprechende Schautafeln führen den Wochenend-Besucher zu markanten Stationen und Wendepunkten in Orffs Leben und Schaffen. Auf Wunsch kann man auch Rotraud Freytag als kompetente Führerin gewinnen.

Doch was wäre ein Museum über den großen Rhythmus-Revolutionär, der die Einheit von Musik und Bewegung anstrebte, ohne einen Ort des eigenen Erlebens? Deswegen dürfen im Untergeschoss nicht nur die Kinder zu Trommeln, Schellenkränzen und Xylophonen greifen. Nur eine Straßenbiegung weiter strahlt das berühmte barocke Marienmünster von Johann Michael Fischer (1732-1739). Sehenswert im Innern sind etwa Johann Georg Bergmüllers Deckenfresken mit Szenen aus der Geschichte des Chorherrenstiftes; in einem der rechten Seitenaltäre prangt ein Gemälde des hl. Sebastian von Giovanni Battista Tiepolo (1739). Der prachtvolle Hochaltar stammt vom einstigen Münchner Hofbaumeister Francois Cuvilliés.

Wer sich nun mit knurrendem Magen auf die Suche nach dem ausgebauten Bauernhof der Orffs im Ortsteil St. Georgen machen will, der kann gleich noch die beiden ausgeschilderten Kilometer hinauf zur Schatzbergalm dranhängen, um dort Ruhe, Aussicht und "den besten Schweinsbraten der Welt" zu genießen. Wer sich lieber künstlerisch stärken will, dem sei der Weg in den nördlichen Teil Dießens zum Fritz-Winter-Atelier empfohlen (Forstanger 15a, Do.-Sa., 14-18 Uhr, So. 11-18 Uhr, Tel. 08807/ 4559). Dies ist aus vielen Gründen sehenswert: Es besticht durch die auffallend schöne schlichte Bauhausarchitektur von Gustav Hassenpflug (1961). Es erinnert an den bedeutenden Bauhaus-Maler Fritz Winter (1905-1976), der sich 1935 im Künstlermarkt Dießen in die "innere Emigration" zurückzog. Und es erscheint dank Michael Gausling, dem Großneffen Fritz Winters, als eine "Begegnungsstätte Moderner Kunst".

Noch bis zum 31. August zeigt Gausling eine Auswahl der zerklüfteten hölzernen "Menschenbilder" des oberbayerischen Autodidakten Andreas Kuhnlein (geboren 1953). Durch seine Arbeit mit der Kettensäge dokumentiert Kuhnlein seit 1983 nicht nur in berührender Intensität die Verletzbarkeit des Menschen, oft aus einem einzigen Stück Ulmen- oder Eichenstamm. So hat der ehemalige Bundesgrenzschutzbeamte, der inzwischen weltweit ausstellt, auch einen Weg gefunden, sich von seinen eigenen Emotionen zu befreien.

Wie schon Carl Orff in Dießen die Kopfarbeit mit der Erholung verband, so kann man sich auch heute am Wasser erfrischen. Etwa mit dem Besuch eines der drei Strandbäder. Wer auf größere Fahrt gehen will, kann ein Tret-, Motor-, Ruder- oder Segelboot mieten, eines der Linienschiffe besteigen oder sich auf dem Raddampfer "Dießen" eine Erlebnisfahrt gönnen. Einserschüler übrigens dürfen sich bis 15. September über beliebig viele Freifahrten auf diesen Schiffen freuen. Allerdings nur bis 16 Jahre, in Begleitung eines Erwachsenen und der Kopie ihres Zeugnisses. Doch auch Zweierschüler sollten sich den Spaß nicht verderben und den Fahrtwind um die Feriennase wehen lassen.

Informationen:

Anreise aus München: mit dem Auto über Starnberg (A95) und Pähl (B2); mit der Bahn über Weilheim oder Geltendorf. Weitere Informationen: www.diessen.de.

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