Auskosten der Affekte

- "Wenn mich falsche Zungen stechen", heißt es in der "Matthäus-Passion", doch davor war der Münchener Bach-Chor mit seiner Aufführung von Johann Sebastian Bachs Oratorium am Karfreitag in der Philharmonie weit entfernt. Ausgesprochen schade, dass es im Vorfeld versäumt wurde, auf die Einführung hinzuweisen, zu der Dirigent Hansjörg Albrecht vor Konzertbeginn eingeladen hatte. Die Details, die er aus seinem außergewöhnlichen Interpretationsansatz erläuterte, hätten ein größeres Publikum erreichen sollen.

Albrecht beschränkte sich in dieser Passion nicht darauf, die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu Christi von seinen Solisten, Chor und dem Bach-Collegium München nur nacherzählen zu lassen, sondern legte mit einer naturalistischen, realen, teils gar schroffen Interpretation die Seelenzustände der in die Handlung verwickelten Personen frei. Albrecht setzte nicht auf Pathos, sondern lenkte mit außergewöhnlich straffen Tempi, scharfen, dynamischen Akzentuierungen und dem Auskosten der Affekte den Blick auf die letzten Stunden eines Gefangenen frei, der dem Tod entgegensieht. Mit Johannes Kalpers hatte er einen Evangelisten, der mit hellem, farbigem, tenoralem Timbre packend die dramatische Entwicklung schilderte. Ihm zur Seite ein sowohl markanter, als auch feinsinniger Markus Marquardt als Christus.

Das in sich homogene Solistenensemble mit Brigitte Geller (Sopran), Elisabeth Kulman (Alt), Torsten Hofmann (Tenor) und Marcus Niedermeyr (Bariton) war inmitten von Doppelchor und -orchester platziert, wodurch es manchmal eher zu dezent wirkte. Ausgesprochen effektvoll die Doppelbesetzung mit zwei Chittaronen, sowie dem zweitem Cembalo-und Orgelspieltisch, an dem zurückhaltend souverän Olga Watts agierte, und die dramaturgisch von Petr Wagner wunderbar eingesetzte Viola da Gamba.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Rea Garvey auf dem Tollwood: Glücklichsein ist so einfach
Von Jung bis Alt können sich die meisten Musik-Fans auf Rea Garvey einigen. Woran das liegt, zeigt er bei seinem Auftritt auf dem Tollwood. Die Nachtkritik.
Rea Garvey auf dem Tollwood: Glücklichsein ist so einfach
Jonas Kaufmanns Otello: Nur ein Seitensprung
Diesem Debüt hat die Opernwelt entgegengefiebert: Jonas Kaufmann singt in London erstmals die Titelrolle von Verdis „Otello“. So ganz passt die Partie nicht zu ihm.
Jonas Kaufmanns Otello: Nur ein Seitensprung
Verschwitzte Sommernacht mit „The Whiskey Foundation“ im Strom
Verschwitzte Sommernacht mit „The Whiskey Foundation“ im Strom
Glut in der Zwiebel
Zum Auftakt des Münchner Filmfests wird der erste Dokumentarfilm über Bud Spencer uraufgeführt.
Glut in der Zwiebel

Kommentare