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Lässige Jugend: Die Augsburger Tänzer verankern den Beginn von Peer Boysens Inszenierung in der Gegenwart.

Ein Ausnahmefall auf der Bühne

Das Theater Augsburg besinnt sich auf „Platée“ von Jean-Philippe Rameau, Peer Boysen inszenierte

Eine Utopie der Liebe? Oder eher doch eine besonders perfide Art der Verspottung? In innigsten, immer wieder aufs Neue variierenden Umarmungen und Umkreisungen haben sich da zwei gefunden. Tanzen einen Pas de deux, so schön, so fantasievoll verschlungen, dass im Theater Augsburg dem Premieren-Publikum der Atem stockt. Scheu und frustriert betrachtet Platée, das hässliche Entlein im weißen Brautkleid, den Tanz. Und während Jupiter, fett und feist auf der anderen Bühnenseite sitzend, alles gelangweilt registriert, dämmert’s der Nymphe: Das wird nichts mit der göttlichen Liebe.

Der finale Wutausbruch der Geleimten ist da nicht mehr weit. Und das Ende eines Stücks, das trotz aller Buffo-Spielereien in die sozialkritische Satire abbiegt. Auch deshalb ist „Platée“ von Jean-Philippe Rameau ja so modern. Nicht nur, weil da ein Tonschöpfer weit vor Wagner Ballett und Oper zum Gesamtkunstwerk verschränkt. Sondern auch, weil Inhalt und Absicht viel mehr als ein harmloses Antikenspielchen bieten.

Bei der großen Barock-Renaissance ist Rameau (1683-1764) irgendwie im Archiv vergessen worden. Händel, jüngst Vivaldi haben ihm den Rang abgelaufen. Zu Unrecht: Rameaus Formensprache hat nichts mit dem Korsett der Da-capo-Arie zu tun, lässt instrumentale und vokale Nummern vielmehr lustvoll ineinandergleiten. Umso erfreulicher also, dass sich nun ein Theater wie Augsburg auf den Franzosen besinnt.

Peer Boysen, dem das Etikett „Barock-Experte“ vielleicht etwas zu lästig am Regiestuhl klebt, ist da der richtige Mann. Mit dem Choreographen Philipp Egli findet er eine szenische Sprache, die sich nicht zur schrillen Show verleiten lässt. Nach anfänglichen Leerläufen, bei denen man um den Abend bangte, wird klar, worauf beide hinauswollen: auf keine Chargen-Schau, sondern auf Vielschichtigeres – auf Allzumenschliches, das uns die Figuren näherbringt und sie nicht als Affektenträger missbraucht.

Boysen, der auch die Ausstattung besorgte, lässt alles im Versatzstück-Ambiente spielen. Eine Teichbrücke und Zivilisationsmüll markieren Platées Tümpel. Die Barockmaschinerie wird mit Jupiters herniederfahrender Klapp-Wolke zitiert. Und zum totalen Theater weitet sich die Aufführung, als das Licht angeht, der Orchestergraben nach oben fährt und Sophia Brommer als herrlich überdrehte La Folie und bewaffnet mit stratosphärisch hohen Tönen das Parkett entert.

Totales Theater auch, weil Oper- und Ballettwelt hier fugenlos ineinandergreifen. Verankern die exzellenten Tänzer das Stück anfangs als coole Teenager im Heute, sind sie später vom personifizierten Wind bis zu finalen Todesgestalten eine so poetische wie sinnliche Weiterführung der Handlung. Ein Subtext, der den Gesang kommentiert, ihn weiterführt und manchmal auch wissend unterläuft.

Warum Rameau selten aufgeführt wird, hat noch einen anderen Grund: Er ist teuflisch schwer zu singen. Auch das hört man dem Abend an, in der manche Solisten nur stilistische und intonatorische Annäherungswerte erzielen. Die Vokallinie bewegt sich oft in der unangenehm hohen Bruchlage, vor allem bei der weiblichen Titelpartie, die – um das Spiel mit den Identitäten auf die Spitze zu treiben – von einem Tenor (Fredrik Akselberg) übernommen wird.

Aber es gibt auch mühelosere Momente. Neben der umwerfenden Sophia Brommer offerieren die Seung-Hyun Kim (Mercure), der seinen Tenor geschmeidig durch Rameaus Phrasen lotst. Kerstin Descher fegt als Juno mit passendem dramatischem Aplomb über die Szene, Per Bach Nissen hat hör- und sichtbar Spaß am Jupiter.

Dirigent Friedemann Seitzer treibt das Philharmonische Orchester nicht in die Überhitzung, bleibt ganz der kundige, wohlerzogene Sachwalter Rameaus. Auch hier zeigt sich: Französischer Barock ist (noch) der Ausnahmefall für den Theaterbetrieb. Doch das wird noch einrasten. Mit jedem Abend dürfte sich dieses engagierte Ensemble sicherer in Rameaus Welt bewegen – umso dringlicher sei also eine Fahrt zu „Platée“ empfohlen.

Weitere Aufführungen am 22., 24. April. sowie 3., 6., 8., 14. und 22. Mai. Telefon: 0821/ 324 49 00.

Markus Thiel

Die Handlung

Thespis – Erfinder der Tragödie, der mit seiner Schauspieltruppe durch Griechenland reiste – wird von Momus, dem Gott der Kritik, und Thalia, der Muse der Komödie, aufgeweckt. Er beschließt, ein Schauspiel aufzuführen, das Götter und Menschen verspotten soll: Um seine eifersüchtige Gattin Juno zu besänftigen, will Jupiter zum Schein die Ehe mit der Quellnymphe Platée eingehen. Sie haust in einem Sumpf und sehnt sich in maßloser Selbstüberschätzung nach Liebe. Leidenschaftlich geht sie auf Jupiters Antrag ein. Die Götter treiben das grausame Spiel, bis Juno sich auf Kosten der blamierten Platée mit Jupiter versöhnt.

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