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Gerhard Richter wird 90: Der Unfassbare

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Von: Simone Dattenberger

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Porträt des Malers Gerhard Richter in seinem Kölner Atelier.
Einer der teuersten Künstler weltweit: Gerhard Richter in seinem Kölner Atelier. © Oliver Berg/dpa

Gerhard Richter ist ein Ausnahmekünstler, ein Vielfalt-Künstler. Am Mittwoch, 9. Februar, feiert er seinen 90. Geburtstag.

Gerhard Richter besetzt seit vielen, vielen Jahren den Spitzenplatz der Charts. Gerhard Richter weiß aber auch, was Selbstzweifel sind, ja sogar, was Versagen ist. Der Ausnahmekünstler, der Vielfalt-Künstler wird am Mittwoch, 9. Februar, 90 Jahre alt. Die Ranglisten in Sachen bildender Kunst werden nicht nach monetären Werten vergeben, sondern danach, wie gefragt jemand bei Museen, Ausstellungsmachern, Galeristinnen und Kunsthistorikern ist. Und Richter muss man, egal, wo auf der Welt, präsentiert haben, man sammelt ihn und freut sich über jeden Ankauf, jede Schau. Wo seine Werke in München zu sehen sind, lesen Sie hier.

Gerhard Richter adelt jede Ausstellung

Und Richter muss man, egal, wo auf der Welt, präsentiert haben, man sammelt ihn und freut sich über jeden Ankauf, jede Schau. So „strahlt“ noch jetzt im Internet eine Ausstellung der Staatlichen Graphischen Sammlung München, die im vergangenen Jahr in der Pinakothek der Moderne realisiert werden konnte – obwohl sich der Megastar doch von der Atelierbühne zurückgezogen hatte! Aber die Kunst hat ihn nicht losgelassen, schon gar nicht in einer Seuchenzeit.

Es waren wundersam krakelnde, zugleich anmutig tänzelnde Zeichnungen entstanden, die das Publikum in eine heitere Freiheit mitnahmen. Da trumpfte kein Großkünstler auf, keiner, der längst alles weiß und seine Mittel virtuos beherrscht; da nahm uns ein Suchender auf seine Reise mit, bat uns gewissermaßen mitzusuchen.

Gerhard Richter zählt zu den teuersten Künstlern weltweit

Wahrscheinlich ist es das stets Fragende, das immer Zweifelnde, das Richters Größe und Akzeptanz bei den Menschen ausmachen. Kaum jemand käme bei seinem heterogenen Œuvre auf die Idee, dass er nicht wisse, was er will, sich als Künstler erst festigen müsse, unsicher herumtaste auf dem Weg zu seinem Stil. Nein, alle haben staunend hingenommen, dass da einer als junger Hupfer mit seinen Spezln in den Sechzigern Happenings abzieht, aber auch gegenständlich Grau-in-Grau nach Fotos malt, eine Pop Art entwickelt, ohne US-Anbiederung; dass da einer Farben kühl wie die Mustertafeln beim Malerbedarf als Rauminstallationen vorführt, aber auch farbverliebt, sinnlich, glamourös ungegenständlich malt.

Bei Richter gibt es die Palette vom Porträt über Akt, Landschaft inklusive Bergmassiv, Vedute, Seestück, Stillleben bis zum Interieur – und natürlich Monochromes, Farbfeldmalerei, gestisch aufgewühlte oder intime Abstraktion, endlose Schichtungen mit dem Rakel (eine Art Schaber), Glasmalerei, Konstruktivistisches, „Strips“-Bilder aus eigenen, digital veränderten Gemälden und so etwas wie Historiengemälde. Auf diesem heiklen Gebiet drohen Peinlichkeit wie Versagen. Der Künstler hatte früh etwa Kampfflugzeuge dargestellt. Er nutzte Fotos zum Beispiel aus Zeitungen, malte die Bilder nach, jedoch durch Verwischen verfremdet. Das Schon-oft-Gesehene wurde deutlicher wahrgenommen, gerade weil es verschwommen und unkorrekt vor einem stand. Ähnlich ging Richter bei Familienaufnahmen vor, die aus der Nazi-Zeit stammten.

Blick in den Kunstbau München mit Gerhard Richters „Atlas“.
Gerhard Richters Schlüsselwerk: der „Atlas“-Zyklus, hier als Schau im Münchner Kunstbau (2013). © Marcus Schlaf

Dieses Oszillieren zwischen Benennen, Verschleiern und Verallgemeinern wird am deutlichsten beim Zyklus „18. Oktober 1977“, der zehn Jahre nach dem Tod der ersten RAF-Gruppe entstand. Und tatsächlich, für junge Menschen ist „Baader-Meinhof“ oft nur noch eine Geschichtsahnung aus der alten Bundesrepublik, Richters „Erhängte“ oder „Erschossener“ behalten indes überzeitliche Gültigkeit.

Scheitern musste er – und womöglich hat er das immer gewusst – am Versuch, sich künstlerisch dem industriellen NS-Völkermord zu stellen. Immer wieder hatte sich Richter mit Fotografien aus den KZs auseinandergesetzt – auch bei der Auftragsarbeit für den Reichstag. Dort entschied er sich für die 20 Meter hohen spiegelnden Farbglasflächen „Schwarz, Rot, Gold“. Das KZ-Motiv ließ ihn dennoch nicht los. Aus dem Ringen entwickelte sich nichts Wiedererkennbares, sondern abstrakte Malerei, Farbmühsal in vielen Schichten. Ehrlicher, wahrhaftiger als die „Birkenau“-Gemälde (2014) sind die gleich großen Fotos von ihnen: Sie stehen für das Versagen(-müssen) vor dem ungeheuerlichen Verbrechen und dem unfassbaren Leid. Es gibt nur noch Bilder von Bildern von Bildern, die einen untröstlich machen.

Alle wichtigen Museen haben „ihren“ Gerhard Richter

Alle wichtigen Museen haben „ihre“ Richter, so auch die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und das Lenbachhaus. Es besitzt sogar „Atlas“, das Schlüsselwerk Richters zu seinem Schaffen. Hier finden sich neben anderen KZ-Aufnahmen die KZ-Krematoriumsfotos, die Richter zu „Birkenau“ trieben. Seit Mitte der Sechzigerjahre hatte er Arbeitsmaterial gesammelt, vor allem Fotos und Skizzen.

Kurz vor dem Mauerbau 1961 war er in den Westen geflohen und hatte an der Düsseldorfer Kunstakademie genau das richtige Umfeld gefunden, um sich frei zu entfalten – ohne sich anzupassen. Der Zweifler und Reflektierende ordnete „Atlas“ ab 1969 systematisch in einheitliche (mittlerweile über 800) Bildtafeln, das Werk wurde zu Archiv und Kunstinstallation in einem. Er enthält die Landkarten zu Richters Werk – sogar mit den Bildern, die gern für Postkarten verwendet werden.

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