Der aussichtslose Kampf

- Die Botschaft ist auf ein abgerissenes Stück Papier gekritzelt: "Achtung! Wir wurden belogen und betrogen. Wir sind im Zug nach Oswiecim. Unser Ende steht unmittelbar bevor. Schreibt nach Vittel, dass wir in wenigen Tagen tot sind!" Paul Wohlman, ein französischer Jude, warf den Zettel aus dem Zug, der ihn im April 1944 nach Auschwitz brachte. Seine Nachricht ist eine von vielen, die gefunden und weitergeschickt wurden - als Warnung oder Hilferuf.

<P></P><P>Zeugnisse wie diese zeigt die Ausstellung "Jüdischer Widerstand" des Deutschen Historischen Museums im Berliner Kronprinzenpalais. Die von der jüdischen Weltorganisation "B'nai B'rith" initiierte Schau schlägt ein von der Geschichtsschreibung lange vernachlässigtes Kapitel des Holocaust auf. Widerstand war weit verbreitet - nicht nur in bewaffneter, sondern auch in passiver, teils sehr subtiler Form. In vierjähriger Recherche haben die Historiker um Bernard Suchecki von der Universität Brüssel Dokumente aus aller Welt zusammengetragen: Briefe, Tagebücher, Chroniken, Fotos. Waffen eines Kampfes, der nie gewonnen werden konnte. Schritt für Schritt werden die Versuche dokumentiert, sich den Repressionen zu widersetzen.</P><P>Eine schwarze Mauer symbolisiert die strengen Verhaltensvorschriften innerhalb der Gettos. Dahinter - auf Kellerregalen in engen Holzverschlägen - die Belege dafür, dass das kulturelle Leben der jüdischen Gemeinden allen Verboten zum Trotz weiterging, mit Torastudium, Festen und Gedichten wie Icchak Katzenelsons "Lied des ermordeten jüdischen Volkes". Die symbolische Raumteilung zieht sich durch die Ausstellung. Ein schwarzer Zylinder: außen die offizielle Nazi-Diktion, innen die Berichte von Entkommenen und Überlebenden. Von "Umsiedlung" und "Arbeitseinsätzen" sprach die eine Seite. Doch wer im Vernichtungslager ankam, wurde gezwungen, Postkarten zur Beruhigung der Angehörigen zu schreiben. Unzählige heimlich verfassten Berichte und Lagepläne bezeugen indes, wie es wirklich war. Sie fanden ihren Weg zur jüdischen Untergrundpresse in den Gettos oder zur BBC nach London.</P><P>Die Ausstellung ist eine Inszenierung, sie will nicht bloß zeigen, sondern wirken. Da stört es auch nicht, dass es sich bei den Exponaten ausschließlich um Kopien handelt. Leider sind die Übersetzungen der oft jiddischen oder hebräischen Texte nur per Funk-Führer zu hören. Überhaupt ist die Präsentation - wohl aus Platzgründen - sehr audiolastig. Dennoch wird deutlich, dass jüdischer Widerstand mehr war als der zum Symbol gewordene Aufstand im Warschauer Getto vom April 1943. In zahlreichen anderen Gettos und Lagern wie Treblinka und Auschwitz-Birkenau wurden Revolten geplant, durchgeführt - und meist blutig niedergeschlagen.</P><P>Die Ausstellung dokumen-tiert die vielfältigen Widerstandsformen ebenso wie ihre Grenzen und Probleme. So waren jüdische Partisanen, von denen es immerhin rund 40 000 gab, oft schlecht ausgerüstet. Und sie mussten Konflikte gegen die von den Deutschen eingesetzten Judenräte austragen, die den bewaffneten Kampf eher ablehnten. Den Widerstandsbegriff legt die Schau bewusst weit aus - mit vollem Recht. Denn das Schmuggeln eines Briefes oder die Flucht aus dem Getto erforderten ebenso viel Mut wie die Teilnahme an einem bewaffneten Aufstand: Auf alles stand die Todesstrafe. Die Schau lässt sicher Fragen offen, und viele Dokumente liegen noch unbearbeitet in den Archiven, aber sie wagt einen Vorstoß in einen wichtigen Abschnitt deutscher Geschichte. Und sie erinnert an die anderen, leisen Helden.</P><P>Bis 5. November im Berliner Kronprinzenpalais, tgl. außer Mi. 10-18 Uhr, Do. bis 22 Uhr.<BR></P>

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