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Die Alte Pinakothek präsentiert derzeit 130 Werke von Arnulf Rainer.

Ausstellung: Arnulf Rainer ist "Der Übermaler"

München - Die Alte Pinakothek präsentiert derzeit 130 Werke von Arnulf Rainer. Es ist eine Retroperspektive, die durch alle Schaffensperdioden des inzwischen 80-jährigen "Übermalers" führt.

In München ist Arnulf Rainer - der Österreicher wurde im Dezember 80 Jahre alt - seit langem präsent: ob in diversen Galerien wie jetzt wieder bei Pfefferle oder in „seinem“ Raum in der Pinakothek der Moderne oder in Ausstellungen des Lenbachhauses. Nun ist dieser Meister der Nachkriegs-Moderne ins Haus seiner großen Kollegen von einst, in die Alte Pinakothek, aufgenommen worden: mit der umfassenden Schau „Arnulf Rainer - Der Übermaler“. Mit dieser Kunst-Strategie ist er berühmt geworden. Nun vor der Presse sagt der verschmitzte, wortkarge Künstler, das Übermalen sei „ein Akt der Verheiratung mit einem anderen Künstler... Und ich glaube, jetzt kann ich’s ganz gut.“

Heute ist Arnulf Rainer ein Klassiker, der sich aktuell mit Größen wie Rubens, Boucher oder Velazquez aus der Alten Pinakothek „vermählt“ hat. Im letzten Kabinett des Rundgangs blicken einen die vertrauten Gesichter aus dem Obergeschoss an, umhüllt von Farbschleiern und Zeichen-Linien, die sie umrahmen, befragen, necken, kritisieren. Die schönen Damen werden von dem österreichischen Gentleman natürlich nur umschmeichelt.

Kuratorin Corinna Thierolf will aber den „ganzen“ Rainer würdigen und damit auch eine Verbindung zwischen Alter Pinakothek und Pinakothek der Moderne herstellen. Rund 130 Arbeiten aus allen Schaffensperioden wurden vor allem aus dem Bestand des Künstlers selbst zusammengestellt. Klaus Schrenk, der Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, bewundert an dem Maler und Zeichner vor allem, dass er mit seinen Provokationen den Weg frei gemacht habe für die nachfolgende Generation - für die Unabhängigkeit der Kunst. Und tatsächlich war Rainers Ansatz in den 50er- und 60er-Jahren ein Schocker. Große schwarze Flecken, aus Tusche beispielsweise, breiteten sich übers Papier und hatten Namen wie „Übermaltes Kreuz“, „Frucht“ oder „Burg“. Nichts war mehr zu sehen als das Schwarz, die - scheinbare - Verweigerung des Sichtbaren. Aber wer die Augen an diese Finsternis gewöhnt, merkt, wie lebendig gezeichnet sie ist, wie sich die bescheidene Nicht-Farbe zu Strukturen, schillernden Durchblicken, Strichmustern auflockert. Der freche Übermaler erweist sich schon hier als feinsinniger Könner. Der der Härte und dem Schmerz nachgeht, auch dem Vermögen und Unvermögen der bildenden Kunst in diesem Zusammenhang, der aber trotzdem den Reichtum der Kunst feiert. Gerade weil er Farben schichtet, bis fast die ganze Leinwand schwarz ist, weil er sich immer wieder in die Gesichter seiner berühmten Kollegen vertieft, um sich inspirieren zu lassen. Was wie Rebellion ausschaut, ist ein bewusstes Sich-in-die-Tradition-Stellen - ohne irgendetwas nachmalen zu wollen.

Immer wieder bewegend seine Version des ewigen Symbols: des Kreuzes. Einfache, rohe, zusammengenagelte Bretter bekommen in Schwarz und Weiß eine unglaubliche Intensität, manchmal kombiniert mit einem kleinen Corpus - und sei der nur aus alten dicken Arbeitshandschuhen modelliert. Die Hülle der Hand wird zum Körper des Gekreuzigten (80er-Jahre). Der Vergänglichkeit und der Qual ist Arnulf Rainer auch in anderer Weise nicht ausgewichen. Sein Hiroshima-Zyklus, Fotos mit Zeichnungen, macht einen stumm, weil die teilweise Verdeckung das Grauen umso deutlicher werden lässt. Und bei den Totenmasken etwa von Robespierre erlebt man hautnah die künstlerische Auseinandersetzung mit Gesichtszügen und Nicht-Leben.

Hierbei verarbeitet der Künstler die Fremd-Aggression, die er in den 70ern noch am Bild selbst ausließ. Ein Foto-Körper-Bild „Begraben unter Taubendreck“ ist aufgeritzt, aufgerissen, aufgekratzt. Im Kontrast dazu die hingebungsvolle Schönheit der Schleierbilder (1998, 2000), wo hauchdünnes Farb-Geriesel Schicht auf Schicht den Weg ins Paradies der Maler weist.

Bis 5. September,

Tel. 089/23 80 52 16, Katalog: 39 Euro, Band mit Rainers Schriften: 39 Euro.

Galerie Pfefferle: Arnulf Rainers „Puppetery“ bis 31.7., Tel. 089/29 79 29.

Von Simone Dattenberger

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