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Zwischen Ellsworth Kellys Werken steht der neue Chef des Hauses der Kunst, Okwui Enwezor. Seine eigenen Projekte stellt er aber erst im kommenden Jahr vor.

Ausstellung: Für Auge, Geist und Gemüt

München - Grandioses Münchner Doppel: Das Haus der Kunst und die Graphische Sammlung zeigen das Schaffen von Ellsworth Kelly.

So edel, so schön, so hehr hat der Besucher schon sehr, sehr lange das Haus der Kunst nicht mehr gesehen. Dank der Ausstellung „Ellsworth Kelly – Schwarz und Weiß“. Hauptkurator Ulrich Wilmes – bei der Pressekonferenz übernahm Okwui Enwezor als Direktor sein neues Amt – ist mit dieser scheinbar asketischen Auswahl ein echter Coup gelungen. Die Beschränkung entfaltet eine großartige Wirkung: für Auge, Geist und Gemüt. Die wirklich optimale Wirkung erzielt der Betrachter aber erst, wenn er den zweiten Standort des umfangreichen Münchner Kelly-Panoramas besichtigt hat. Denn die Graphische Sammlung ergänzt in der Pinakothek der Moderne mit feinsinnigen Blättern von 1948 bis 2010 den Blick auf das künstlerische Schaffen des 88-Jährigen.

Der berühmte US-amerikanische Maler und Grenzgänger in den skulpturalen Bereich ist sichtlich von Europa geprägt. Die Hängung im Haus der Kunst lenkt die Aufmerksamkeit beim Hereinkommen sogleich auf zwei Quadrate: ein großes weißes. gefasst von einem schwarzen Rahmen, der auch ein gemalter Rand sein könnte, und ein schwarzes Quadrat, von Weiß umgeben. Da fällt einem sowohl die Abstraktions-Ikone der Klassischen Moderne, Kasimir Malewitsch, ein wie auch Josef Albers, der es mit Quadraten hatte und einst die jungen Amerikaner maßgeblich prägte. Aber im ersten Saal sehen wir auch einen Pflanzenumriss wie einen Scherenschnitt, der im 19. Jahrhundert so beliebt war. Und da offenbart sich das innerste Wesen Ellsworth Kellys: Seine mitreißenden ungegenständlichen Arbeiten, die sich oft ganz der geometrischen Ruhe und Sicherheit überlassen, sind im Gegenständlichen der Wirklichkeit verankert, verwurzelt.

Diese Tatsache erblüht im wahrsten Sinne des Wortes in den Pinakothek-Räumen der Graphischen Sammlung. Lithografien, Bleistift- und Tuschezeichnungen sowie Aquarelle allein von Pflanzen erzählen von der bis heute nicht versiegten Hingabe Kellys an das stille Sein der Flora. Er betont, dass er sie als Ganzheit „porträtiert“, und nicht nur im Glanz der Blüte. So verinnerlicht der Künstler in großzügigen, weit ausholenden Zeichnungen Stängel, Blatt und Blüte, wobei es ihm vor allem die Blätter angetan haben. Sie kommen seiner Analyse der zweidimensionalen Fläche und ihren Variationsmöglichkeiten entgegen, wie er sie in den abstrakten Werken durchspielt. Andererseits bieten sie Erholung von der Kühle der Geometrie und eröffnen neue Felder. Das genießt auch der Besucher – zwischen Alpenveilchen, Bananenblatt und blütenloser Sonnenblume.

Ellsworth Kelly betont ebenfalls, dass nicht allein der „Raum des Objekts“ wichtig sei, vielmehr habe auch der „Negativ-Raum“ seine eigene Kraft. Das trifft auf die Zeichnungen zu wie auf die Gemälde und Reliefs im Haus der Kunst. Und dort natürlich, bis auf ein kleines grünes Eckerl, auf die Absenz der Farbe. Das Schwarz-Weiß reinigt Auge und Wahrnehmung, fördert die Konzentration und schaut obendrein nobel aus. Dass Natur und Architektur hier die küssenden Musen waren, schildert die Schau unaufdringlich. Kelly nennt ja bestimmte Gemälde-Varianten „Window“. Und ein Relief, das Fensterrahmen und -sprossen zitiert, heißt klipp und klar „Window. Museum of Modern Art Paris“. Paris und seine Künstler von Matisse bis Arp regten den US-Amerikaner an, seinen speziellen Weg in den Jahren von 1948 und ’51 zu finden. Schon 1966 kann er bei der Biennale von Venedig teilnehmen, zwei Jahre später erstmals an der Documenta in Kassel. Ellsworth Kelly stieg danach immer weiter zu den absoluten Größen unserer aktuellen Kunstgeschichte auf – mit unbestechlicher, unspektakulärer Qualität.

Die sicherte er eben auch durch Schwarz-Weiß, denn damit überprüfte er, meist parallel zur farbigen Version, seine Bildfindungen. Die erfüllen das Haus der Kunst mit einem Rhythmus aus Ruhe und Schwung, Ordnung und dem Ausbruch daraus – selbst aus dem Gemälde-Geviert –, und aus monumental und fragil.

Simone Dattenberger

Öffnungszeiten :

Haus der Kunst: bis 22. 1. 2012, täglich ab 10 Uhr.

Pinakothek der Moderne: bis 8. 1. 2012, täglich außer Montag ab 10 Uhr; Katalog, Schirmer Verlag: 44 Euro.

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