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Blick in die Haupthalle des Hauses der Kunst: Matt Mullicans Riesenbanner mit Piktogrammen, Objektregale aus der Archäologischen Staatssammlung München und eine Art Naturkunde- und Technikmuseum Mitte und vorne.

Ausstellung: Chaos und Ordnung als Geschwister

München - Überfülle schlägt dem Besucher schon beim Betreten der Ausstellung „Matt Mullican - Vom Ordnen der Welt" im Münchner Haus der Kunst entgegen. „Ordnen"? Erst einmal Chaos - am Boden und den Wänden: 5800 Zeichnungen, und zwar aller Varianten, Drucke, ausgeschnittene Comics, Fotos, bunt Gemaltes auf Papier oder Folie, Filz, ja sogar eine Schirmkappe im ersten Saal.

Man fühlt sich wie ein Baby, das überflutet wird von Informationen, die ihm - zunächst - nichts sagen. Der Betrachter des Œuvres von Mullican (1951 geboren) muss also den Versuch unternehmen, dessen Ordnung für sich selbst zu ordnen - oder aber man lässt sich einfach nur treiben. Und staunt. Chaos und Ordnung als Geschwister.

Kurator Ulrich Willmes spricht vom „Universum“, das der US-Amerikaner seit vier Jahrzehnten mit „Modellen“ unermüdlich erfassen wolle. Durch diese Sisyphosarbeit macht er uns gleichzeitig klar, dass alles menschliche Streben, die unübersichtliche Vielfalt in ein System zu zwingen einerseits überlebensnotwendig, andererseits aussichtslos ist. Da das Haus der Kunst Mullican eine umfassende, üppig bestückte Schau widmet, erlebt der Besucher diesen Lebens-Zwiespalt am eigenen Leib, im eigenen Geist. Er muss einiges aushalten, wird irritiert, gefordert.

Noch harmlos klar geht es an der Fassade los mit grünen, blauen, gelben und roten Bahnen zwischen den Säulen. Dabei stehen diese Farben angeblich für bestimmte Bereiche, etwa Grün für Materie. Auf der großen Bodenarbeit im ersten Saal, die jene Farben aufnimmt, ist dann eben eine schwarz konturierte Landschaft in Grün getaucht. Aber Matt Mullican lässt außerdem Farbwirbel los, malt dann wieder abgezirkelt genau in Knallfarben. Je mehr er Formen, Medien, Möglichkeiten und andere Sammlungen sammelt, umso mehr weicht sein System auf. Hier tauchen Geburt (Vulva) und Tod (Skelett) auf, dort Gut (Engel) und Böse (Teufel), hier der Name „Mullican“, dort ein Piktogramm für die Weltkugel oder ein Dino.

Wer die Arbeiten in dem Start-Raum aufmerksam begutachtet, dem werden sich die anderen Werke und ihr Arrangement leichter „öffnen“. Manches ist obendrein ästhetisch wunderschön. Die „Modelle für die Kosmologie“ von 2002 aus Glas, Holz, Aluminium und schwarzen Linien dämpfen Farb- und Formenwust, zitieren ein wenig Laborarbeit, ein wenig Technik, ein wenig die Bildhauerei. Die Ruhe einer Ordnung entsteht plötzlich, weil hier die Kunst einzig Kunst sein und nicht Realitäten katalogisieren will. Eine derartige Selbstbefreiung aus dem Zwang zum Sammeln und Systematisieren sucht der Künstler außerdem auf anderem Weg.

Matt Mullican führt immer wieder Performances durch - insbesondere in Hypnose. In einem Labyrinth aus vollgezeichneten und vollgeschriebenen Papierwänden erahnt man den „anderen“ Mullican, den er oft „that person“ nennt. Tatsächlich ist die Linienführung völlig anders. Auf diversen Filmen sind die Auftritte zu erleben. Die Münchner Performance ist am 10. Juli um 19 Uhr.

Simone Dattenberger

Bis 11. September täglich 10-20 Uhr, Do. bis 22 Uhr; Tel. 089/ 21 12 71 13; praktische, kostenlose Begleitheftchen gibt es in der Schau.

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