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Die chinesischen Architekturmodelle aus Holz werden in der Münchner Pinakothek der Moderne ausgestellt.

Ausstellung: Chinesische Architekturmodelle

München - „Die Kunst der Holzkonstruktion – Chinesische Architekturmodelle“: Der Titel der Präsentation des Architekturmuseums in der Pinakothek der Moderne München klingt nüchtern – aber beschreibt ein Wunder.

Das ist keine Schau nur für Schreiner und Zimmerleute – auch wenn die ausflippen werden vor Begeisterung –, sondern für jedermann. Das Team um Museumschef Winfried Nerdinger hat sich intensiv bemüht, die Raffinessen des chinesischen Konsolensystems so anschaulich wie möglich darzulegen – oder besser auseinanderzunehmen. Tüftler werden hier aufblühen, andere werden bloß noch staunen und dann zugeben, dass sie das Wunder wohl nie ganz durchschauen werden. Dieses Wunder hat Holzbauten aus dem 8. Jahrhundert n. Chr. überleben lassen. Und dieses Wunder hat auch die chinesischen Architekten des 20. Jahrhunderts beschäftigt.

Die Holzkonstruktionen, die über Holzsäulen das hölzerne Dach samt Ziegeln tragen – Wände haben keinerlei stützende Funktion –, sind so atemberaubend kompliziert, dass man sich nicht vorzustellen vermag, wie sich jemand so etwas Verzwicktes ausdenken kann. Alleiniges Anschauen hilft nicht weiter. Deswegen haben chinesische Baumeister Anfang des 20. Jahrhunderts begonnen, Modelle von Tempeln und Palästen zu bauen. Ja, zu bauen. Diese für Modelle ziemlich großen Häuschen geben nämlich nicht oberflächlich die Optik des Yongle-Schosses (1271-1368) in der Provinz Shanxi oder des Himmelstempels in Peking (seit 1420) wieder. Sie sind vielmehr ihren realen Vorbildern exakt nachkonstruiert – um eben zu lernen, wie die alten Könner des Handwerks und der Holztechnik vorgegangen sind. Diese Modelle waren noch nie außerhalb Chinas zu sehen. Sie werden in der Pekinger Academy of Cultural Heritage aufbewahrt. Diverse Zeichnungen, Detailmodelle und vor allem animierte Filme helfen uns Laien in der PDM, damit wir uns in diesem System aus zusammengesteckten kleinen und großen Modulen zurechtfinden. Nach und nach geht einem ein Licht auf.

Zentral ist das Sprichwort: „Fällt auch die Wand, so stürzt nicht das Haus ein.“ Die alten Gebäude wurden nicht aus Spaß an komplizierter Technologie so ausgefallen gebaut, sondern weil sie Erdbeben und Taifunen standhalten sollten. So sind die Säulen in die Bodenfläche eingelassen, aber nicht unbeweglich fixiert. Die ineinandergefügten Teile zwischen Säule und Dachstuhl, also das Traggebälk, sind ebenfalls horizontal elastisch. Sie wirken deswegen bei Erdbeben wie „Stoßdämpfer“, erklärt Nerdinger. Da selbst kleine Stücke benutzt wurden, konnte man sehr effizient alles Holz von einem Baum verwenden. Außerdem wurden die Elemente wie bei einem Baukastensystem seriell hergestellt und erst beim Bauen der individuellen Architektur angepasst. Auch die extrem schweren Dächer trotzten geschickt den Naturkatastrophen: das Gewicht dem Taifun, die Flexibilität den Beben. Die Dachsparren laufen nicht vom First bis unten durch. Es gibt mehrere kurze Sparren zu mehreren Pfetten – deswegen auch die typisch geschwungenen Dächer der Chinesen. Ein Übriges tut das Holz der Weißen Zeder: Zugspannung wie Stahl, und die Druckfestigkeit ist um ein vielfaches höher als Beton. Ach, und schön ist diese Architektur obendrein.

Perfekt passt die Schau zu der Ai-Weiwei-Ausstellung im Haus der Kunst. Der zeitgenössische Künstler lässt sich von den Modellen inspirieren, benutzt oft das Material demontierter Tempel und motiviert Handwerker, die alten Techniken fortzuführen.

Simone Dattenberger

Bis 24. Januar, Tel. 089/23 80 53 60; Katalog, Jovis Verlag: 35 Euro.

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