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Unseren Blick verwirrt Édouard Vuillard in „Maternité“ (um 1896) mit vielen wuchernden Mustern.

Ausstellung "Der intime Blick"

Kunst, bei der Sie genau hinsehen müssen

Murnau - Das Schlossmuseum Murnau setzt sich in der Ausstellung "Der intime Blick" mit der Kunst des genauen Hinsehens auseinander.

Die Frau busselt das Bobberl auf ihrem Schoß ab. Eigentlich können wir das auf der Farblithografie „Maternité“ von Édouard Vuillard gar nicht richtig sehen – wir „sehen“ es trotzdem. Das Raffinement des Franzosen beweist sich im Verstecken der üblichen Bild-Genauigkeit seiner Zeit unter Mustern, Ornamenten und Dunkelheit, kombiniert mit einer knappen Deutlichkeit, die wie hier die „Mütterlichkeit“ auf den Punkt bringt. Mit Vuillard beginnt die Abstraktion beim Schmusen im bürgerlichen Salon. Dass die Ausstellung „Der intime Blick“ im Murnauer Schlossmuseum „intim“ nicht verengt auf eine rein erotische Ebene, ist damit klar gemacht.

Direktorin Sandra Uhrig hat sich zunächst von der Frage leiten lassen, ob Menschen überhaupt noch in Ruhe schauen, betrachten, beobachten können – in einer Zeit der schnell gemachten und genauso schnell weggewischten Bilder. Die andere Inspiration boten zwei Privatsammlungen, die die Gemälde und Arbeiten auf Papier zu dem angesteuerten Thema des intensiven Sehens beitrugen. So sind Motive zwischen „Interieur“ und „Allein zu zweit“, zwischen „Im Atelier des Künstlers“ und „Porträt“ zusammengekommen.

Das französische Wort „Intimisme“ beschrieb zum Ende des vorletzten Jahrhunderts die Aura des Häuslichen, die in vielen Bildern auftauchte. Die Einrichtung, spielerische Beschäftigungen – bei Renoir die Mädchen, die ihre Hüte mit Blumen verzieren, bei Vallotton der Herr, der sich ins Klavierspiel versenkt –, Kleinigkeiten das Alltags also, geben die Franzosen vor. Uhrig kombiniert dazu die skandinavischen Kollegen, die sich mit erdigen Farben an der langen Tradition der niederländischen Interieurs, aber auch an der der deutschen Romantik orientieren. Sie zaubern magische Stille, oft auch tiefe Melancholie oder schlichtes Innehalten in banale Räume. Allein durch die Kraft der Muße oder des Sonnenlichts, das durchs Fensterkreuz fällt, empfangen sie eine Wichtigkeit. Und sie fordern uns als Betrachter besonders, denn sie spektakeln nicht, gieren nicht nach unserer Aufmerksamkeit. Die müssen wir aufbringen, um Teil dieser Gelassenheit werden zu dürfen.

Allzu ausdauerndes Meditationstraining fordert „Der intime Blick“ uns freilich nicht ab: Die versonnenen Ehepaare werden schnell abgelöst von den Paaren, die sich in flammender Leidenschaft wie bei Max Beckmann oder Lovis Corinth umschlingen oder komisch umturteln wie bei dem Aquarell von Othon Friesz. Von der Intimität dieser Nacktheit zu der von Maler und Modell ist es nur ein Schritt. Pablo Picasso zeigt mit wenigen Strichen die nüchterne Arbeitssituation. Der Künstler, gefangen in sein Gestalten, nimmt das zierliche Modell gar nicht wahr. Knackiger Kontrast dazu: die Atelierskizze von Alberto Giacometti. Hier der große Maler, spielerisch, entspannt – dort der große Bildhauer, knorrig, straff, konstruktiv wie ein Baumeister (und kein ganz so großer Zeichner).

Unseren Blick verwirrt Leif Trenkler mit seinem Gemälde „ludwig II. am morgen“ (2005), das wie in einer Doppelbelichtung Garten und Vorhang zeigt.

Schon von Beginn an streut Uhrig in die Präsentation immer wieder Arbeiten von David Hockney ein. Damit wird signalisiert, dass sie den Spannungsbogen des „Intimen Blicks“ bis ins Heute halten will. In dem Zusammenhang zeigt sich, dass die Künstler der Gegenwart, ob Hockney oder Leif Trenkler die malerischen oder zeichnerischen Qualitäten der Alten (auch der wenig bekannten Alten) nicht erreichen. Das schafft und übertrifft nur Georg Baselitz, dem gerade im benachbarten Marc-Museum in Kochel eine Ausstellung gewidmet ist (wir berichteten). Von der genießerischen Mal-Lust her ist seine blaue, fast völlig abstrahierte „Ecke“ schon eine echte Schau. Und ein guter Witz. Klar, so ein Zimmer-Eckerl ist irgendwie intim, bei Baselitz jedoch ein imposanter Knaller. Ähnlich aufwühlend geht Arnulf Rainer mit seinen Übermalungen vor: Der Blick ist so intim, dass er nur noch schwarz sieht. Dafür wird unsere Fantasie detektivisch beflügelt: Was lauert unter der Dunkelheit, die Schauspielerin Sibylle Canonica umhüllt?

Bis 29. Juni täglich außer Montag, Schlosshof 2–5, Tel. 088 41/ 47 62 07; Katalog: 25 Euro.

von Simone Dattenberger

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