Ausstellung: Wo Haus und Heimat sind

Die Schau „Architektur und Film in Israel“ in Münchens Pinakothek der Moderne ist eine Rückkehr, die bewegt – gerade in den Tagen des Gedenkens an das Novemberpogrom der Nazis von 1938.

Der Nachlass des israelischen Baumeisters Munio Weinraub ist nicht nur ein beeindruckender Zuwachs für das Architekturmuseum der Technischen Universität München, er ist auch ein Vertrauensbeweis seines Sohnes Amos Gitai. Museumschef und Architekturhistoriker Winfried Nerdinger traf den Filmemacher 2003 bei einer Tagung.

Man tauschte sich aus, verstand sich – wie auch ein Interview-Video in der Schau beweist –, und so fasste Gitai (hebräisch für Weinraub) Zutrauen. Das väterliche Vermächtnis könne nach München gehen – dazu der Wunsch nach einer umfassenden Präsentation sowie einem Katalog.

Das ist nun mit „Munio Weinraub, Amos Gitai – Architektur und Film in Israel“ (Kuratorinnen: Mirjana Grdanjski, Ita Heinze-Greenberg, Anna Schlieben) aufs Beste gelungen: weil man den Mut hatte, das pragmatische künstlerische Œuvre des Vaters – Bauen für die Menschen im jungen Israel – mit dem reflektierenden künstlerischen Schaffen des Sohnes – wie stehen Israel und seine Menschen heute da – zu verweben. Eigentlich ist die Vermischung von Architektur und Film eine Unmöglichkeit, aber das möchte die Exposition gar nicht. Sie betrachtet vielmehr, wie die jeweilige Kunstform geschichtliche und gesellschaftliche Bezüge manifest macht. Sie bilden die Schnittmenge, die dem Besucher schließlich Bauliches, Cineastisches, Israelisch-Deutsches und Israelisch-Arabisches vermittelt.

Weinraub, 1909 als Sohn eines polnischen Gutsverwalters geboren, gestorben 1970 in Haifa, konnte kurz am Dessauer Bauhaus studieren (ab 1930). Die Nazis schlossen es bereits 1932. Mies van der Rohe vermochte nur noch, ihm die Teilnahme an diversen Kursen und ein Volontariat zu bescheinigen. Diese Schriftstücke sind im ersten Teil der Schau genauso zu sehen wie Weinraubs erste weiße Kubus-Häuschen für Siedler in Palästina. Nach Verhaftung und Ausweisung 1933 kam er 1934 in Eretz Israel an und gründete ein Architekturbüro. Er wurde zu einem der prägenden Architekten des jungen Staates. Vom Kibbuz bis zur Schule, von der Gedenkstätte (später Yad Vashem) bis zum Regierungsviertel, von der Synagoge bis zum Wohnblock plante er, oft zusammen mit Al Mansfeld, alles, was für eine funktionierende Gemeinschaft notwendig war. Klarheit, Schlichtheit und hoher Gebrauchswert waren – ganz den Grundsätzen des Bauhauses entsprechend – oberstes Gebot. Kein Wunder, dass es heute noch in Israel das größte Ensemble an modernen 30er-Jahre-Bauten gibt. Sie sind Weltkulturerbe. Da die Baumeister an keine jüdische Architekturtradition anknüpfen konnten, wurde „Bauhaus“ der israelische Stil.

Die erste Station der Schau schildert den erwartungsvollen Aufbruch einer Nation, die nach 2000 Jahren Vertreibung und Zerstreuung in alle Länder wieder einen festen Platz suchte. Haus und Heimat, Hebräisch das Gleiche, mussten errichtet und gestaltet werden. Die hoffnungsfrohen Filmszenen aus Amos Gitais „Eden“ (2001) ergänzen Munio Weinraubs Siedlungsideen aus den 30ern. Bei der zweiten Station rütteln kritische Kinosequenzen über Krieg und Leid an der Selbstsicherheit der Großbauten.

Amos Gitai, 1950 in Haifa geboren, der jetzt in Paris lebt, begann 1973 im Yom-Kippur-Krieg zu filmen. Langzeitdokumentationen wie „Bait/House“ über ein Jerusalemer Haus und seine wechselnden Bewohner (1980, 1998, 2006) und „Field Diary“ über die besetzten Gebiete im Libanon (1982) machten ihn berühmt, zwangen ihn jedoch, Israel zu verlassen. Die Arbeiten wurden dort zensiert. Die dritte Ausstellungsstation gibt einen guten Überblick über Gitais Filme, die ab heute zur Gänze im Ernst-von-Siemens-Auditorium zu sehen sind.

Simone Dattenberger

Bis 8. Februar 2009,

Tel. 089/ 23 80 53 60, Katalog, Minerva: 35 Euro.

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