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Tora-Schilder aus Silber, entstanden im 18. Jahrhundert in Frankfurt (re). und Augsburg.

Neue Ausstellung im Jüdischen Museum München

„Sieben Kisten mit jüdischem Material“ ans Licht geholt

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2016 sind sieben Kisten mit jüdischen Ritualgegenständen in Würzburg entdeckt worden. In den vergangenen zwei Jahren wurde der Fund aufgearbeitet. Jetzt wird er erstmals im Jüdischen Museum München gezeigt. 

Eigentlich kann es die Ausstellung gar nicht geben, die gestern Abend im Jüdischen Museum München eröffnet wurde. Wer die Geschichte kennt, weiß, dass es schier unmöglich war, dass die Exponate gleich zwei heftige Attacken überstehen konnten: die Plünderung und Schändung der Synagogen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 sowie die Bombardierung Würzburgs am 16. März 1945.

Ja, man sieht den jüdischen Ritualgegenständen – darunter wertvoller Tora-Schmuck, Chanukka-Leuchter, Seder-Teller – ihre bewegte Historie an: Was die Nazis nicht zerstörten, verrußte, verformte sich oder verbrannte in den Detonationen und der Hitze des alliierten Bombardements der unterfränkischen Stadt. Enorm beschädigt überstand der Inhalt der „Sieben Kisten mit jüdischem Material“, die dieser bemerkenswerten Schau ihren Titel geben, dennoch die Zeitläufte im Depot des Museums für Franken in Würzburg. Dort wurden sie erst 2016 entdeckt. Bernhard Purin, Direktor des Jüdischen Museums München, hat den Bestand aufgearbeitet und präsentiert ihn nun erstmals in seinem Haus. Von Juni 2019 an wird er beim Kooperationspartner in Franken zu sehen sein.

Die raumhohen, edel beleuchteten Vitrinen geben den Ritualobjekten Platz und ihre Würde wieder.

Purin und seine Co-Kuratorin Kerstin Dembsky erzählen nicht nur die Geschichten der Ritualgegenstände. Anhand von Inschriften konnten zahlreiche Namen der Stifter ermittelt werden, die einst die Objekte ihren Synagogen schenkten. Exemplarisch werden Lebenswege beleuchtet, nicht wenige endeten in den Lagern der Nazis.

Wertvolle Hilfe bei ihrer Detektivarbeit fanden die Forscher in der Dokumentation, die Theodor Harburger (1887-1949) in den Zwanzigerjahren erstellt hatte: Beauftragt vom „Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden“ erfasste der Kunsthistoriker das Synagogeninventar der Landgemeinden. Diese hatten zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Mitgliederschwund zu kämpfen, nachdem viele bayerische Juden in Städte zogen oder ins Ausland emigrierten. Harburgers Arbeit sollte dem Verband helfen, die teils prachtvollen Gotteshäuser vor dem Verfall zu retten. Heute besteht indes kaum noch Hoffnung, die von ihm fotografierten Objekte zu finden, gar zu restituieren. Auch das verdeutlicht die enorme Bedeutung der „Sieben Kisten“, die nun in München zu sehen sind.

Die Kuratoren und ihr Ausstellungsarchitekt Martin Kohlbauer haben sich entschieden, durch diese Schau den Objekten ihre Würde zurückzugeben: In raumhohen Glasvitrinen, mit eleganter Lichtführung edel beleuchtet, bekommen Kiddusch-Becher, Tora-Schmuck und Seder-Teller endlich wieder Luft und Platz. Beides fehlte in jenen ehemaligen Munitionskisten, in denen sie all die Jahrzehnte lagerten. Die Inszenierung lässt keinen Zweifel daran, welchen Wert die Gegenstände für die Gläubigen einst hatten. Wer sich im Judentum nicht so gut auskennt, dem sei das (kostenlose) Glossar empfohlen, das Name, religiöse Bedeutung und Verwendung der Stücke knapp erläutert.

Eine Etrog-Dose aus der Synagoge Schweinfurt, entstanden um 1900.

Soweit dies möglich war, sind sie den Synagogen und Gemeinden in Arnstein, Ebelsbach, Gochsheim, Heidingsfeld, Miltenberg, Schweinfurt und Würzburg zugeordnet. Im zweiten Stockwerk finden sich zeitgenössische Fotografien der sieben Orte. Zitate jüdischer Menschen, die dort lebten, individualisieren die Bedeutung der Exponate. Was die Kuratoren nicht identifizieren konnten, zeigen sie in einem jener Regale, die typisch sind für Museumsdepots. Auch das ist eine Stärke der Schau: Sie vermittelt eine Ahnung von der Arbeit, die in ihr steckt.

Am Ende des Raumes steht ein barocker Tora-Schrein, der von der Familie Seligsberger 1924 für die Würzburger Werktagssynagoge gestiftet wurde: Mit Axthieben zerhackten Nazi-Schergen die Frontseite in der Reichspogromnacht, die sich heuer zum 80. Mal jährt.

Nein, diese Ausstellung kann es eigentlich gar nicht geben. Dass wir sie nun dennoch bestaunen können, thematisiere auch einen „unaufgelösten Widerspruch“, so Museumsdirektor Purin zwischen Ursache und Wirkung – zwischen den beiden Fragen „Wie kam es zur Zerstörung der Synagogen?“ und „Wie kam es zur Zerstörung deutscher Städte?“

Informationen zur Ausstellung:

Bis 1. Mai 2019, Di.-So. 10-18 Uhr, St.-Jakobs-Platz 16, Katalog (Hentrich & Hentrich Verlag): 29,80 Euro; Telefon: 089/ 23 39 60 96.

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