+
Frauen bei der Zwangsarbeit im Steinbruch des KZ Krakau-Plaszow.

Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum

Mutti kommt nicht mehr heim

  • schließen

Das NS-Dokumentationszentrum München widmet den Sklaven- und Zwangsarbeitern aus Polen eine Ausstellung.

Heute wissen wir ziemlich viel. Einiges davon wussten die Menschen freilich schon nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch wurden die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschland damals verdrängt, beschönigt, geleugnet. Ihre Aufarbeitung erfolgte schleppend und in thematischen Blöcken. Die Zwangsarbeit kam zum Schluss. „Es ist das vielleicht am längsten verdrängte Verbrechen der NS-Geschichte“, sagt Winfried Nerdinger, Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums München. Das Haus zeigt nun eine Ausstellung, die sich mit dem Thema befasst. Dabei konzentriert sich „Erinnerung bewahren“ auf Sklaven- und Zwangsarbeiter aus Polen. Erarbeitet wurde die Schau von der Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung in Warschau.

Um den lokalen Bezug des Themas zu betonen, hat das Dokuzentrum noch einige Tafeln hinzugefügt. Landkarten, Bilder, Urkunden und Texte. Auf Schaukästen haben die Kuratoren komplett verzichtet. Das mag auf Besucher, die haptisch empfinden, spartanisch wirken. Doch braucht es kein dreidimensionales Anschauungsmaterial, denn das Geschehen, das die großen schwarzen Tafeln behandeln, wird durch viele persönliche Dokumente und Fotos von Betroffenen veranschaulicht. Da ist etwa ein Brief der beiden Buben Jacus und Jureczek aus den frühen Vierzigerjahren: „Bei uns war Nikolaus ... Wir wollten sehr, dass du, Mutti, zu Weihnachten kommst. Wir küssen Mutti tausend mal.“ Was klingt wie ganz normale sehnsuchtsvolle Zeilen von Kindern, war an das KZ Auschwitz-Birkenau adressiert. Dort war die Mutter interniert.

Zwangsarbeit hatte viele Gesichter. Klar differenzieren die Ausstellungsmacher zwischen der Rekrutierung polnischer Zivilarbeiter und der Sklavenarbeit von KZ-Häftlingen, Straflagerinsassen und Ghettobewohnern. Bei letzteren diente Arbeit nicht in erster Linie nur dem Produktionszweck. Sie war als Strafe gedacht – und als perfide Methode, all jene, die die Nazis vom Erdboden tilgen wollten, gleichzeitig auszubeuten und zu vernichten. Zu den KZ-Insassen gehörte auch Witold Pilecki. Er taucht gleich zweimal in der Schau auf. Einmal auf drei von der KZ-Verwaltung aufgenommenen Häftlingsbildern. Später erscheint er noch mal im Kapitel „Helden“. Dort werden all jene polnischen Zwangsarbeiter geehrt, die für ihre Leidensgenossen und andere Opfer kämpften. Pilecki ging 1940 freiwillig ins Vernichtungslager Auschwitz und organisierte von dort aus den Widerstand. Er überlebte das KZ, wurde aber 1947 wegen angeblicher West-Spionage hingerichtet.

Der größte Teil der Tafeln thematisiert die Zwangsarbeit für große deutsche Firmen wie BMW, aber auch für Klitschen wie etwa die Gärtnerei Globig in Berlin. Da viele deutsche Männer an der Front waren, fehlten daheim die Werktätigen. Zwangsarbeiter mussten einspringen. Wir sehen Männer und Frauen, ja viele Kinder, die für Deutschland Frondienste leisten mussten. Wie alles in der Naziideologie war auch der Umgang mit den aus Polen ins „Reich“ deportierten Menschen zutiefst rassistisch. Auf welche Weise die Behörden versuchten, Kontakt zwischen Polen und Deutschen zu verhindern, erfährt der Betrachter an zwei Wänden. Dort sind zehn Grundsätze aus einem Rundschreiben über die Pflichten der Zwangsarbeiter notiert. Öffentliche Verkehrsmittel sind tabu. Tanzen ist nur in dafür vorgesehenen Lokalen gestattet. Sex mit Deutschen steht unter Todesstrafe.

Obwohl sie übersichtlich gestaltet ist, spricht dieSchau alle Themen an, darunter den langen Kampf der Betroffenen um Entschädigung. Dass sich in München-Neuaubing eines von nur zwei erhaltenen Zwangsarbeiterlagern aus der Zeit befindet, erfährt der Besucher zum Schluss. Die Baracken stehen seit diesem Jahr unter Einzeldenkmalschutz. Baldmöglich soll dort eine Dependance des NS-Dokuzentrum entstehen. Denn das Thema ist wichtig – Zwangsarbeit war in Nazi-Deutschland omnipräsent. Das illustrieren abschließend zwei große Schwarz-Weiß-Fotos. Da stehen Zwangsarbeiter verloren und verlottert vor zwei Münchner Prunkbauten: der Theatinerkirche und dem Leuchtenberg-Palais. Die anderen Menschen gingen wohl einfach an ihnen vorbei.

Bis 29. Oktober, Di.-So. 10-19 Uhr; Telefon: 089/ 23 36 70 00.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Wiener Tatort-Star Adele Neuhauser: „Ich bin mir lange im Weg gestanden“
Die Wiener-Tatort-Kommissarin Adele Neuhauser erzählt im Interview von ihrer Autobiografie. Mutig aber nicht voyeuristisch - so sollte ihr Buch werden. Nun wird bereits …
Wiener Tatort-Star Adele Neuhauser: „Ich bin mir lange im Weg gestanden“
Konzertabbruch: So krank war der Jamiroquai-Sänger wirklich
Es war eine „Stimmbandentzündung mit Aphonie“ (Stimmverlust), die Sänger Jason „Jay“ Kay von Jamiroquai zum Abbruch des Konzerts am Donnerstagabend in der fast …
Konzertabbruch: So krank war der Jamiroquai-Sänger wirklich
Diane Kruger: „Dieser Film hat mein Leben verändert“
Es sei die intensivste Rolle ihrer bisherigen Karriere gewesen, sagt Diane Kruger. Belohnt wurde die 41-jährige Deutsche, die seit 25 Jahren in den USA lebt, in diesem …
Diane Kruger: „Dieser Film hat mein Leben verändert“
Neu ergänzt und wie neu gehört: Mozarts Requiem mit René Jacobs
Schon wieder ein Mozart-Requiem auf CD? Wenn man es so aufregend deutet und eine so überzeugende Neufassung bietet wie René Jacobs - unbedingt!
Neu ergänzt und wie neu gehört: Mozarts Requiem mit René Jacobs

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion