1 von 6
Annette Krauß und Maximilian Gumpp „probten“ ihre Inszenierung der Geburt Jesu, die am 22. Dezember aufgebaut wurde.
2 von 6
Mit Schlittschuhen zur Geburt Jesu in einer Schneelandschaft; Aufnahme einer originalen Gämmerler-Szene.
3 von 6
Lichteffekte waren Theodor Gämmerler wichtig, und so halten es seine Nachfolger heute; hier die Herbergssuche.
4 von 6
Zur Jahreskrippe gehört zum Beispiel die Taufe Jesu. Maximilian Gumpp und Annette Krauß schufen die Szenerie.
5 von 6
Theodor Gämmerler, der „Krippenpapst“.
6 von 6
Geburt Christi und Verkündigung an die Hirten sind nun vollendet zu sehen. Auf dem Foto rechts war das Team bei der „Probe“. Außer dem neu geschnitzten Wolf (li. hinten) gibt es keine wilden Tiere.

Ausstellung über Theodor Gämmerler in München

Das große Werk des „Krippenpapstes“

  • schließen

München - In der Bürgersaalkirche sind das ganze Jahr Szenen zu sehen, die auf dem Schaffen des „Krippenpapstes“ Theodor Gämmerler basieren.

Eine Frau, durch raffinierte Lichtsetzung herausgehoben, sitzt erschöpft auf einem Hausbankerl an der Straßenkreuzung, neben sich das Handwerkszeug eines Zimmerers. Auf dem Platz wird gekehrt, ein Sack soll in den Speicher hochgezogen werden, Hunde schnüffeln herum, und ein Mann diskutiert mit dem Wirt vom „Stern“. Bei unserem Besuch der beiden Krippenbauer in der Münchner Bürgersaalkirche, Kunsthistorikerin und Journalistin  Annette  Krauß sowie Bildhauer Maximilian Gumpp, sind die heilige Maria und der heilige Josef noch auf Herbergssuche.

Der Krippenbauer hätte am liebsten einen ganzen Tierpark

Am 23. Dezember wird das Paar immer noch keine solide Unterkunft gefunden haben. Es muss sich mit einer runden Tempelruine begnügen. Dort wird der Retter der Welt am 24. Dezember geboren werden. Der imposante Engel auf der provisorischen Dachplane kündet davon. Es sind die einfachen Leute, die herbeilaufen, und die Tiere. Ob Bär und Wolf, wie in der biblischen Paradies-Vision vorhergesagt, mit dabeisein dürfen, darüber sind sich die Krippenbauer noch nicht recht einig. Gumpp, der gerade an einem Wolf schnitzt, hätte, scheint’s, am liebsten einen ganzen Tierpark; auf alle Fälle wären die Kinder davon begeistert. Aber der Raum ist beschränkt.

Die Anbetung der Könige wird bereits geprobt

Noch steht die Weihnachtsszene auf dem Tisch im Arbeitszimmer neben dem fein säuberlich geordneten Fundus. Am 22. Dezember wird dann auf der richtigen „Bühne“ inszeniert. Und wenn unsere Leser diesen Artikel studieren, hat die „Premiere“ gerade stattgefunden. In der Unterkirche (wenn man hereinkommt gleich links) wird sich in einer Art tiefen Kammer die Landschaft von Bethlehem auftun, wird der beinamputierte Bettler für Jesus die Drehleier spielen, werden die Hirten im Wollwams staunen. Und während wir alle die feinen Details bewundern, Marias herbschönes Gesicht am liebsten viel näher betrachten würden und den Ochsen riesig finden, „proben“ die Krippenbauer bereits für die Anbetung der Könige.

Krippen sieht man jetzt überall: daheim, in Kirchen, im öffentlichen Raum und im Museum. Alle haben ihren Charme und ihre Geschichten neben der zentralen Heilsgeschichte. Die Krippe in der Bürgersaalkirche der Marianischen Männerkongregation (eine 1610 gegründete bürgerschaftliche Vereinigung) ragt dennoch aus allen anderen heraus. Sie ist eine Jahreskrippe – auch davon gibt  es in München relativ viele –, und, das ist das Entscheidende, sie wurde von Theodor Gämmerler entwickelt.

Gämmerler war gelernter Kunstmaler

Der gelernte Kunstmaler, der später „Krippenpapst“ genannt werden sollte, wurde 1889 in München geboren und starb 1973 in Schönbrunn bei Dachau. 1927 wurde der Mann, der das Theater inklusive Marionettenspiel auch vor und hinter der Bühne heiß liebte, Krippenpfleger in St. Michael. Dort kümmerte er sich um die etwa einen Meter großen Figuren und machte sie zu Anziehungspunkten. Im Zweiten Weltkrieg wurde dieses Gesamtkunstwerk vernichtet. Von 1947 bis 1968 war er hauptamtlicher, bescheiden bezahlter Krippenbauer für den Bürgersaal (1709/10, Architekt: Giovanni Antonio Viscardi). Rund 200 Szenen entwickelte Gämmerler als Bühnenbildner und -maler, Kulissenbauer, Lichtdesigner, Puppenmacher (50 Figuren) und Regisseur. Als Kostümbildnerin und Schneiderin fungierte seine Frau Wilgefort, die unglaublich präzise und detailverliebt den Figuren die Kleidung auf den Leib schneiderte. Annette Krauß, selbst immer  wieder  erstaunt, zeigt bei unserem Besuch im Fundus zum Beispiel ein Kleid, das Wilgefort Gämmerler sogar noch mit Seide gefüttert hatte.

Ausgeklügelte Beleuchtung

Die Bühne für die Ideen des Paares ist 2,30 Meter breit, 2,40 Meter tief und 1,80 Meter hoch, wobei der „Himmel“ tatsächlich oben und hinten gewölbt ist. Und wer glaubt, dass die glitzernden Sterne aufgeklebt sind, täuscht sich. In die Apsis wurden winzige Löcher gebohrt, und dahinter Lampen angebracht. Überhaupt sorgte Gämmerler stets für eine ausgetüftelte Beleuchtung. Wunderbare Stimmungen, Halbdunkel-Effekte, Tages- und Jahreszeiten sind zu erleben. Wegen des Brandschutzes mussten die Originallichter verschwinden. Seit 2013 tüfteln Krauß und seit 2015 mit ihr Gumpp an moderner und doch genauso anspruchsvoller Beleuchtungstechnik und -strategie.

Jede Episode sieht anders aus

Das Team, das professionell, jedoch nur für eine Aufwandsentschädigung arbeitet, kann ansonsten auf eine große Menge an originalen Krippenelementen zurückgreifen. Es ist so viel vorhanden, dass beide ihrerseits noch nie alles in Szene gesetzt haben. Da warten zum Beispiel noch das Lotterbett von Kleopatra samt antiker Statue auf ihren Einsatz. Dennoch haben die Krippenpfleger schon mehrere Jahre biblisch illuminiert. Das gilt für die Geschichten um Weihnachten genauso wie für Kains Mord an Abel, für den Leidensweg Christi in der Passionszeit wie für die Auferstehung, für den Schutzengel in unseren Alpen wie für den barmherzigen Samariter. Und da wie im Theater keine Regiearbeit der anderen gleicht, sehen die jeweiligen Krippenepisoden immer wieder anders aus.

So hatte es Theodor Gämmerler gehalten, und so machen es Krauß und Gumpp heute. Durch die vielen Fotos, die es von Gämmerlers „Aufführungen“ zum Glück gibt, lassen sie sich inspirieren. Zugleich setzen sie dezent eigene Akzente. So tauchten 2015 bei der Herbergssuche Flüchtlinge auf, heuer sind sie integriert und werkeln zusammen mit den Einheimischen. Ob das nun in einem Spitzweg-München oder in Wasserburg am Inn spielt, grübelt man als Betrachter. Maximilian Gumpp tippt indes auf Italien. Und wenn man sich richtig verbiegt, um in die Gasse links sehen zu können, entdeckt man tatsächlich die Zinnen von Scaliger-Burgen. Die kennt man vom Gardasee. Gämmerler wollte es ohnehin nicht allzu „orientalisch“ haben in seinem heiligen Theater. Annette Krauß vermutet, dass der Münchner nach dem Krieg seine ausgebombte Heimat auf seine Weise wiederaufbauen wollte.

Alle sechs bis achten Wochen ändert sich die Szene

Ihr geht es darum, dem großen Vorgänger, der keinen Nachfolger eingewiesen hatte, gerecht zu werden. Darum nahm sie den zeitintensiven Posten in der Bürgersaalkirche an. Schließlich muss alle sechs bis acht Wochen frisch „inszeniert“ werden – mit „Proben“ und schließlich zwölfstündigem Aufbau. Anfangs war der hinterlassene Fundus das reinste Chaos. Krauß erinnert sich ans Puzzlespieler-Glück, wenn sie ein Stückchen passende Architektur fand. Es gab zwar von der satanischen Schlange bis zum Wirtshaushocker alles in bester Qualität – über einem kleinen Holzbottich würde jeder Schäffler Freudentränen vergießen –, allerdings komplett ungeordnet und bis auf Ausnahmen nicht beschriftet. Nun ist vom Balkonbaluster bis zur Münchner Häuserwand und dem Stopselhut alles leicht auffindbar – und sicher verpackt zwischen Inkontinenzeinlagen. „Tipp von einer Restauratorin“, schmunzelt Krauß.

Eine zierliche Welt

Das Schönste in dieser zierlichen Welt sind die Gesichter der Figuren. Auf den gut 20 Zentimeter großen Körper mit Kugelgelenken werden die Köpfe aufgesetzt. Die Basis schuf der Bildhauer Josef Hien, der in Ottobrunn lebt. Gämmerler überarbeitete Hände und Antlitze. Diese sind – auch durch die Farben – von psychologischem Feinsinn und teils von hinterkünftigem Humor, dass allein sie eine Ausstellung wert wären.

Eine ähnliche Entdeckung brachte Annette Krauß zum Krippenbau. In St. Ursula zeigte ihr vor Jahren der Mesner „altes Zeug“. „Das ist Kunst“, wusste   sie jedoch sofort, und tatsächlich stammten diese Krippenteile von Sebastian Osterrieder (1864-1932), dem „Erneuerer des Krippenbaus“. Die Kulturjournalistin wurde so zur Krippenpflegerin, 2013 von der damaligen Krippenbauerin der Bürgersaalkirche angefragt. Dort analysierte Krauß Gämmerlers Œuvre – auch als zweite Vorsitzende des Vereins Münchner Krippenfreunde – und stellte sich einer weiteren Besonderheit.

Pater Mayer wird mit einer Szene gewürdigt

Der selige Pater Rupert Mayer (1876-1945), Präses der Marianischen Männerkongregation, ist in der Unterkirche bestattet. Deswegen ist sie für viele Münchner, die mit ihren Sorgen kommen, ein Zufluchtsort. Ein Grund, Mayer zweimal im Jahr mit einer Krippenszene zu würdigen. Eine von ihnen zeigte den Pater, der immer wieder von den Nazis verhaftet wurde, in seiner Zelle beim Gebet. Annette Krauß und Maximilian Gumpp bereiten für 2017 eine neue exemplarische Episode vor: Rupert Mayers Verletzungen im Ersten Weltkrieg vor 100 Jahren.

Bürgersaal Neuhauser Straße 14, Krippe in der Unterkirche nach dem Eingang links; Kalender im Kirchenladen: 9,90 Euro. Zu empfehlen ist außerdem „Krippen aus aller Welt“ im Foyer des Alten Rathauses. Die Ausstellung der Krippenfreunde läuft bis zum 8. Januar, täglich außer 24. und 31. Dezember 10-18 Uhr, 1.1. ab 12 Uhr; freier Eintritt.

Auch interessant

Kommentare