Edith Stein und Gustav Mahler: Er wollte Karriere machen, sie wechselte aus Überzeugung vom Judentum zum Katholizismus (Büste von Auguste Rodin, Gemälde von Simeon Gigov).

Ausstellung im Jüdischen Museum

Blitzlicht auf ein Leben

München - In der Ausstellung "Treten Sie ein! Treten Sie aus! Warum Menschen ihre Religion wechseln" wird diese Frage anhand von einzelnen Lebensgeschichten beantwortet.

Michael Zadock, Abraham David, Christian Gottlob, Michael Zadock, Joh. Christian Beständig, Michael Zadock, Christian Bleibtreu, Michael David, Michael Glaubtreu, Michael Abraham, Christian Treu – was für eine Namensliste! Sie ist zu finden in der Ausstellung „Treten Sie ein! Treten Sie aus! Warum Menschen ihre Religion wechseln“ im Jüdischen Museum München. All die Geschichten, die Kurator Hannes Sulzenbacher über Personen erzählt, die im Laufe der Jahrhunderte konvertierten, schildern Einzelschicksale – und dann diese Liste. Vielleicht eine von Zwangskonvertiten, denen womöglich die Inquisition mit ihren „netten“ Instrumenten drohte? Michael Zadock, gebürtig im Ostfriesland des späten 17. Jahrhunderts, war jedoch ebenfalls nur ein Einzelner.

Allerdings ein ganz armer Kerl. Weswegen er in Weesen kaum Schutzgeld an die christliche Obrigkeit abdrücken musste. Als er bei einer Sturmflut seine notdürftige Bürgerlichkeit verlor, vagierte er durch Deutschland bis ins Allgäu – und tat eine lukrative Geldquelle auf: Er ließ sich taufen. Da es diverse Taufpaten gab und die nicht knauserten, kam ein nettes Sümmchen zusammen. Der neue Christian Gottlob, einst Schächter, nun Metzger, erlebte ein Happy-End – wie es zunächst scheint. Aber die penibel geführten Akten verzeichnen bis heute einen Mann, der von der Taufbetrügerei nicht lassen konnte – bis ihm am 28. Januar 1728  in Speyer mittels Schwert der Kopf vom Rumpf getrennt wurde.

Der Kurator berichtet in der Schau aber nicht in einem Zug von den vielen unterschiedlichen Konversionen, sondern teilt sie in die Phasen des „Vorher“, der „Passage“ und des „Nachher“ ein. Nur diese „Konvertitenerzählung“, so Sulzenbacher, sei bei allen gleich, die die Grenze von einer Religion zu anderen überschreiten. Egal ob aus Liebe oder Zwang, aus Überzeugung oder Taktik. Egal ob vom Schamanismus zum Protestantismus (der Inuit Abraham Ulrikab) oder vom Judentum zum Buddhismus (Ilse Kussel, später Ehrwürdige Ayya Khema) oder vom Katholizismus zur Yoruba-Religion (Malerin Susanne Wenger in Afrika).

Ausstellungsarchitekt Martin Kohlbauer hat dafür einen großen Saal in drei Abteilungen gesplittet, die durch Faden-Vorhänge voneinander getrennt sind. So erlebt der Besucher selbst eine, wenn auch harmlose, Grenzüberschreitung. Natürlich sind diese Lebensgeschichten in einer Exposition nicht wirklich darstellbar, denn jede einzelne davon wäre eines Buchs würdig. Was wir sehen und lesen, sind also Aufrisse eines Lebensbaus, Blitzlichter auf Gemütszustände, illustriert durch Briefe, Dokumente, Bücher, Fotos, Filme oder Objekte. Der Taufbetrüger wurde von der Wiege bis zum Richtplatz aktenkundig. Harry/ Heinrich Heine legte in säuberlicher Brief-Handschrift seine Überlegungen zur Konversion nieder und konstatierte in der Phase des „Nachher“: „Ich bereue sehr daß ich mich getauft hab...“. Während Edith Stein sich durch die Philosophie vom Judentum löste – und vom Atheismus durch die Auseinandersetzung mit den Überzeugungen der Teresa von Ávila. Edith starb als Schwester Teresia Benedicta a Cruce im KZ Auschwitz.

Von Simone Dattenberger

2. Oktober bis 2. Februar 2014

Di.-So. 10-18 Uhr; Begleitband (Parthas): 24,80 Euro; Zusammenarbeit der Jüdischen Museen Hohenems, Frankfurt a. M., München.

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