Schinkel als Theatermacher: „Die Sternenhalle der Königin der Nacht“ für Mozarts „Zauberflöte“ wurde höchstberühmt.

Schinkel-Ausstellung: Visionär und Praktiker

München - Die Münchner Hypo-Kunsthalle zeigt die Ausstellung „Karl Friedrich Schinkel – Geschichte und Poesie“. Man pickte sich dabei nicht den Architekten oder Zeichner heraus, sondern den ganzen Künstler.

Ein Ritter auf einer Sau jagt auf gestikulierende Leute zu – darüber Auf- und Grundriss eines Gebäudes: Ist dieser Kontrast Karl Friedrich Schinkel? Der Mann, von dem der Architektur-Mythos glauben macht, er habe sozusagen ganz allein Berlin gebaut (die Totenbett-Zeichnung inszeniert ihn schon als Genie)? Ja, die Liebe zum Gebauten und die zum Unkonventionellen, die sich in dem Skizzenbuch des jungen Burschen abzeichnen, sind dem reifen Schinkel geblieben. Und er hat viele muntere Säue seiner Fantasie durch Preußens Hauptstadt getrieben.

Vom dortigen Kupferstichkabinett konnte die Münchner Hypo-Kunsthalle die umfangreiche Ausstellung „Karl Friedrich Schinkel – Geschichte und Poesie“ übernehmen. Man hat sich dabei nicht den Architekten oder Zeichner herausgepickt, sondern den ganzen Künstler: in neun Kapiteln von Lebensimpressionen und -daten über die Reisen, insbesondere die nach Italien, und den Prä-Kino-Inszenator mit dem „Brand von Moskau“ (audiovisuelle Rekonstruktion) bis hin zum Designer. Sogar der Auslöser für das Schlüsselerlebnis Baukunst ist zu besichtigen: Friedrich Gillys „Entwurf zum Denkmal Friedrichs des Großen“ hat den jungen Mann, der 1781 in Neuruppin geboren wurde und seit 1794 in Berlin lebte (1841 gestorben), so gereizt, dass er Schüler im Atelier der Brüder Gilly wird. Friedrich Gillys Denkmals-Idee ist erzählerisch und neugierig auf alte und fremde Stile. In diese Richtung wird auch Schinkel gehen.

Er ist der Romantiker unter den Klassizisten. Weil er der Antike das Mittelalter zur Seite stellt und – noch wichtiger – die Natur. Er selbst fasst das in die Begriffe „Geschichte“ und „Poesie“. Dabei ist unter Romantik nicht ein abgehobenes Geschwurbel zu verstehen, sondern Genauigkeit: in der Beobachtung von Bautraditionen, ihrer Einbettung in die Umgebung und der Landschaftsformen an sich. Dann erst kommen Überhöhung, Idealisierung, vielleicht eine Überzeichnung. Schinkel verankert die Fantasie und lässt ihr auf dieser Basis freien Lauf. Selbst die atemberaubendsten Entwürfe sind so angelegt und durchdacht, dass sie gebaut werden könnten. Zum Beispiel eine Residenz für Otto aus Bayern, den König von Griechenland: auf der Athener Akropolis neben dem großen Tempel. Ein unglaubliches Projekt, das heutige Denkmalpfleger in den Wahnsinn treiben würde.

Der junge Schinkel kann insbesondere nach dem Tod Gillys schon baumeisterlich aktiv werden, entwickelt, sich konsequent weiterbildend, Projekte ohne Auftrag und ist bereits neugierig auf die Bühne. Schließlich kann er nach Italien reisen und saugt von Prag über Wien und die Alpen bis nach Sizilien Land und Bauten aller Art in sich auf, wie die vielen großformatigen Blätter beweisen. Und sie beweisen noch etwas: Schinkels stupende Zeichenkunst. Was er mit Kiel-, Rohr-, später Stahl- oder Ziehfeder, ergänzt durch Lavieren, Aquarellieren oder Gouache, auf diversen Papieren anstellt, ist schier unglaublich. Präzision und Zartheit, Spiegelung (nur aus Linien bei der Königssee-Fahrt) und Stimmung, Zupackendes und Nebel-Weiches – der Zeichner kann alles. Und man sieht gerade den Entwürfen an, dass er weiß, wie man Laien Architektur erklären muss und wie man sie um den Finger wickelt.

München Architektur: Stadtentwicklung und Stadtgestalt

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Deswegen „malt“ er zum Beispiel sein Konzept zum Wiederaufbau des Schauspielhauses (Nationaltheaters) am Gendarmenmarkt so liebevoll wie idiotensicher aus. Und seine Bühnen-Hintergrundgemälde sind allein die Aufführung wert. Höchstberühmt die Sternenhimmelhalle der Königin der Nacht aus Mozarts „Zauberflöte“, wunderschön vielfältig die Bilder zu E.T.A. Hoffmanns Oper „Undine“. Endlich darf der Betrachter nicht ein Blatt, sondern gleich mehrere dieser Entwürfe genießen. Damals waren für die Menschen wahrscheinlich die mit Theater verbundenen Abstecher in exotische Regionen das Faszinierendste – von Altägypten bis Mexiko.

Diese baulichen Fantasmagorien behält Karl Friedrich Schinkel erstaunlicherweise bei. Egal, ob er das Denkmal für die Befreiungskriege von Napoleon oder als Hofarchitekt plant (1829 von Friedrich Wilhelm III. ernannt). Und genauso behält er seinen unerschütterlich praktischen Blick bei – für königliche Möbel (Prunksessel auf Rollen) wie bei den Musterbüchern für (Kunst-)Handwerker.

Bis 12. Mai täglich 10-20 Uhr; Tel. 089/ 22 44 12; Katalog im Museum, Hirmer Verlag: 25 Euro.

Simone Dattenberger

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