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Ausstellung: Kunst-Kalauer wie von Valentin

München - Dirk Bell kehrt mit der Schau „Retour“ in der Pinakothek der Moderne in seine Geburtsstadt zurück.

Ein Hauch von Valentin-Musäum weht durch die Pinakothek der Moderne. Da hängt beispielsweise ein Kronleuchter von der Decke, der ganz in aufgespannte Regenschirme gepackt ist. Und auch wenn das Werk den schicken englischen Titel „Clouds“ (Wolken) trägt, wird hier natürlich auf den „Lampenschirm“ angespielt. Solche valentinesken Kalauer machen deutlich, dass Dirk Bell (Jahrgang 1969) von seiner Geburtsstadt München deutlich geprägt ist - wo man ihn einst an der Kunstakademie ablehnte, weswegen er schon lange in Berlin lebt. Weil er seine bislang erste Museumsausstellung jetzt gleichwohl in der alten Heimat hat, wählte der Künstler dafür den Titel „Retour“ - der in mehrfacher Hinsicht passt.

Schließlich schaut Bell ja auch in seinen Werken gerne zurück: Eine Art Flohmarkt-Aura umgibt viele dieser Arbeiten, die sich an der Ästhetik von Dada und Surrealismus orientieren. Im Goldrahmen präsentiert sich etwa das Stück fleckiger alter Tapete, auf der eine Gipshand einen Nagel an ein Loch hält. Und gerne kauft Bell im Trödel kitschige Bilder von Hobby-Malern, um sie zu „verschönern“, indem er etwa ein Rennrad in eine Fantasy-Landschaft hineinmalt. Die Installation „Amaia“ wiederum besteht aus alten Linoleumböden, die wie ein Triptychon auf einer Staffelei stehen - gegenüber einer bemalten Schaufensterpuppe. Wie dieses Environment auf die „Arte povera“ zurück weist, sind viele Werke des Retour-Künstlers bewusste Zitate: Der bekennende Eklektiker („Ich bin ein Restaurator von Begriffen“) zeichnet mit fließenden Linien Figuren im süßlichen Stil von Bruno Bruni, und blinkende Leuchtstoffröhren lassen an Dan Flavin denken. Ob solche konzeptuellen Retro-Spielchen die „Revival“-Mechanismen der Konsumsphäre reflektieren, sei dahingestellt. Auf jeden Fall hat Dirk Bell auch ganz andere Stil-Facetten auf Lager. Zartviolette Farbflächen auf Packpapier kann man bei aller Abstraktion als Bilder intimer Körperöffnungen sehen, wohingegen in der Mitte des Ausstellungsraumes eine riesige Metallskulptur ihre eckigen Krakenarme ausstreckt: Stahlbleche formen da ineinandergekantete Buchstaben, die (wenn man’s weiß) die Worte „FREE LOVE“ ergeben. Wer hätte gedacht, dass die freie Liebe eine so sperrige Angelegenheit ist...

Bells beste Arbeit aber lässt seine übrigen Basteleien buchstäblich alt aussehen: Auf einer spiegelnden Edelstahlplatte steht da eine moderne Glastür - samt Türspion! Mit diesem hinreißenden Monument der Absurdität hat Dirk Bell fast Karl Valentins Winterzahnstocher übertroffen.

Alexander Altmann

Bis 18. September, Di. bis So. 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr.

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