Ägyptologe Alfred Grimm neben der Goldmaske der Königin Satdjehuti. Die kleinen Magie-Objekte sind noch in den Transportkisten. Marcus Schlaf

Ausstellung: Magie in Orient und Okzident

München - Ägyptologe Alfred Grimm plant eine außergewöhnliche Ausstellung im Museum Ägyptischer Kunst. Im Interview spricht er über sein ungewöhnliches Projekt zu Amuletten im Alpenraum und in Altägypten.

„Isisblut und Steinbockhorn - Amulettgebrauch in Altägypten und im Alpenraum“: Diese Ausstellung des Staatlichen Museums Ägyptischer Kunst, München, plant Ägyptologe Alfred Grimm zusammen mit Nina Gockerell, der Volkskundeexpertin des Bayerischen Nationalmuseums. Die Schau, bei der diese Zeitung Medienpartner ist, eröffnet am 29. Juli und läuft bis zum 9. Januar 2011 in den Museumsräumen des Residenz-Traktes am Hofgarten.

-Altägypten, Alpen und Magie? Wie kamen Sie auf diese Verbindung?

Das war zum einen die Beschäftigung mit den Amuletten im Haus und zum anderen die Lektüre des Buches von Lenz Kriss-Rettenbeck, ein Standardwerk über Magie im Alpenraum. Den haben wir weitgefasst - von Bayern bis hinunter nach Neapel. Und dann die Frage, wo sind diese Objekte? Im Bayerischen Nationalmuseum die berühmte Sammlung Kriss, wohl die umfangreichste Sammlung, die es im Bereich Amulett und Talisman gibt. Sie ist nicht ausgestellt. Da wuchs die Idee eines ungewöhnlichen Projekts.

Die Beschäftigung mit diesen Gegenständen zeigte dann, dass es zwischen Orient und Okzident über die Jahrtausende hinweg eine Verbindung gibt. Die besteht darin, dass der Mensch stets verzweifelt versucht, das Schicksal, die Wirklichkeit zu zwingen: durch ein Amulett Übel abwehren oder durch den Talisman das Glück herbeiholen. Auch durch die Texte, die dazugehören, stellte ich fest, dass es beim Schutz- und Heilzauber viele Gemeinsamkeiten gibt. Dann der große Bereich Erotik, Fruchtbarkeit, Schwangerschaft, Wochenbett; Schutz in der Nacht, Furcht vor Wiedergängern, Schutz in bestimmten Jahreszeiten. Wobei es in der Ausstellung darum geht zu zeigen, dass die magischen Praktiken zum Lebensalltag gehören.

-Wieso haben Sie sich überhaupt mit Magie beschäftigt?

Das magische Denken ist sehr dominant in der altägyptischen Kultur. Das betrifft nicht nur den Alltag, das betrifft auch die Zeremonien, den Tempelkult. In Ägypten ist das Staatsmagie. Darum ist der Auftakt der Ausstellung der Staatsmagie, dem Pharao gewidmet. Er muss für die kosmische Ordnung sorgen.

-Magisches Denken bestimmte nicht nur alte Kulturen oder prägt heute ferne Völker, es ist auch bei uns virulent.

Unser magisches Denken gibt es noch, zum Beispiel die Zahlenmagie. Menschen versuchen, beim Auto-Kennzeichen vier Achter zu bekommen. Man will das Glück zwingen, indem man beim Lottoschein bestimmte Zahlen ankreuzt. Und man sieht Leute, die nicht nur ein Freundschaftsbändchen tragen, Heilsteine oder Amulette, die ja nicht immer im christlichen Kontext stehen. Auch vieles, was mit „Bio“ zusammenhängt, ist magisch: das Heilen durch Pflanzen, Hildegard-von-Bingen-Kuren... Das gesamte abendländische Denken ist durchdrungen vom magischen Denken. Die Aufklärung konnte das nicht beseitigen: Aktuell, ein Krake prophezeit, wer Fußball-Weltmeister werden wird (siehe Weltspiegel).

-Ertappen Sie sich auch bei magischen Empfindungen?

Na ja, man schaut auf den Kalender und bemerkt: Freitag, der Dreizehnte - aha, jetzt aufpassen.

-Was bewirken Isisblut und Steinbockhorn?

Isisblut ist ein Amulett, das wie eine Schlaufe aussieht, aus rotem Stein, in der Regel ist es Karneol; es bringt Glück. Das Steinbockhorn steht für Fruchtbarkeit. Daraus ist zum Beispiel Pulver hergestellt worden als Aphrodisiakum, aber auch andere Gegenstände, sodass der Steinbock bei uns ausgerottet wurde.

-Amulette sind kleine Objekte: Wie werden Sie die Schau aufbereiten, damit sie den Besucher beeindruckt?

Wir zeigen die verschiedenen Bereiche des Zaubers in Abteilungen und stellen Altägypten und Alpenraum einander in zwei Ebenen gegenüber. Jede Gruppe wird zusätzlich von einem großen Objekt repräsentiert. Außerdem haben wir Zaubersprüche ausgewählt. Vier Tonkügelchen an sich sagen nichts aus. Erst mit dem Spruch wird ihre magische Bedeutung klar. „Altägypten“ meint in unserer Präsentation altägyptische Kultur von 3000 v.Chr. bis in die Spätantike hinein - bis in die christliche Zeit, weil man da sehr schön sieht, wie das Magische plötzlich mit Christus verbunden erscheint. Das ist die Nahtstelle zur modernen Magie.

Es gab keine strenge Trennung in Altägypten zwischen Religion und Magie. Das sind zwei Seiten einer Medaille. Aber auch im Alpenraum: Wo ist die Grenze der religiösen Verehrung der Maria und den Votivgaben, die man stiftet, oder Dingen, die man in der Hoffnung auf Hilfe mit nach Hause nimmt? Natürlich gibt es auch die weiße und schwarze Magie, den Schadenszauber. Da haben wir ganz herrliche Stücke, durch die der Liebhaber ausgeschaltet werden, der Ehemann nicht mehr existieren soll...

-Das Museum Ägyptischer Kunst plant zurzeit den Umzug in den Neubau an der Gabelsbergerstraße. Wie schafft man es dabei, noch eine Ausstellung zu konzipieren?

Der Umzug erfordert eine große Logistik, aber die jetzige Schau ist zugleich ein Experimentierfeld für das neue Haus. Es wird eine Vitrine mit Gemmen geben. Die Präsentationsform, die Montageform wird so vorbereitet, dass jene im neuen Museum genauso übernommen werden kann. Bei vielem anderen ist es ähnlich. Für die Zukunft planen wir eine richtig große Magie-Ausstellung mit Leihgaben von New York bis zum Louvre.

Das Gespräch führte

Simone Dattenberger.

„Isisblut und Steinbockhorn“

Staatliches Museum Ägyptischer Kunst, München, am Hofgarten; vom 29. Juli 2010 bis 9. Januar 2011.

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