Andrea del Sarto - links: Heilige Famillie (um 1514), Alte Pinakothek, München. Andrea del Sarto - rechts: Heilige Familie (um 1515/16), Musée du Louvre, Paris.

Ausstellung: Meditation und Drama

München - „Göttlich gemalt“: Die Alte Pinakothek in München zeigt in einer Ausstellung zwei Versionen von Andrea del Sartos Heiliger Familie.

Bis 6. Januar,

Katalog: 19,90 Euro; Telefon 089/ 23 80 52 16.

Geheimnisvolle, violett-rot changierende Gewänder, Gesichter wie im Weichzeichner, das ganze markerschütternde Szenario hinter einem milchigen Schleier: So stellte Andrea del Sarto (1486-1530) seine Interpretation der Heiligen Familie dar, die eigentlich die Vorhersage von Christus’ schrecklichem Schicksal durch Johannes den Täufer ist. Dass dieses rätselhafte, bedrückende und doch so feinsinnige Gemälde in der Alten Pinakothek München jahrhundertelang nur als der billige Aufguss einer dekorativen, fast schrillen Fassung im Louvre galt – das ist jetzt Geschichte.

Das Münchner Werk hat sein Schattendasein nach zwanzig Jahren Restaurierung und Forschung endgültig verlassen: Weder ist es eine Werkstattarbeit, noch kam es über wüste Umwege einst in die ehrwürdigen Hallen der Medici. Allen bisherigen Spekulationen zum Trotz wurde es, so ist man sich nun sicher, um 1514/15 gemalt, ein gutes Jahr vor dem Louvre-Bild. Die Zeitgenossen ergötzten sich seinerzeit an dieser drastischen Aussprache der heiligen Kinder und priesen die Zusammenstellung gar als „göttlich gemalt“. Und so ist deshalb auch die Ausstellung in München betitelt, die sich weniger um Wertigkeiten und Rangfolge kümmert, sondern um die Gegenüberstellung eines Themas in zwei verblüffend wenig variierten, emotional doch so unterschiedlichen Bildern.

Für die Münchner Fassung rang Andrea del Sarto noch um die richtige Komposition: Infrarotaufnahmen zeigen die Veränderungen im Bild. Die fulminante Leihgabe aus dem Louvre hingegen ist, als Zweitauflage, in einem Wurf geglückt. Weiterhin belegt die Dokumentation, wie der einst so berühmte Maler mit vielen Farbschichten zur Tiefenwirkung kam – besonders frappant in der Erstfassung. Die wurde, so glaubt man nun zu wissen, schon von Giorgio Varsari in den Künstlerviten 1568 erwähnt. Demnach gab sie der Florentiner Kaufmann Puccini in Auftrag, um sie dem französischen König zu verkaufen, verliebte sich aber in das Bild und behielt es für sich. Später gelangte es als eines den Kernstücke in Medici-Besitz, wurde 1697 dem Wittelsbacher Johann Wilhelm von der Pfalz geschenkt und kam dann im Zuge der Erbfolge 1806 in die Sammlung des Kurfürsten nach München.

Dort wirkt die Heilige Familie jetzt wie eine Gruppe Gefangener, die aus dem Kerker entlassen wurde und zögernd aus der Dunkelheit in die ersten Sonnenstrahlen blinzelt. Während die zweite Version für den französischen Hof immer schon glänzen durfte: Die Farben sind hier klarer, leuchtender, Goldborten, und feine Schleier verbreiten Pomp. Vor allem aber wird die leise, meditative, so sacht leidende Stimmung von München nun mit den zwei pathetischen Engeln und der sehr klaren, scharf gezeichneten Mimik verwandelt in ein Drama. Wer sich eingesehen hat, dem ringen beide Fassungen viel Respekt und Staunen ab wegen dieser Vorwegnahme der barocken Gefühlsbetonung. Dies mag wohl auch den Louvre zu der außergewöhnlichen Leihgabe bewegt haben.

Flankiert von Rötelzeichnungen ergibt sich so ein spannender Einblick in die aufwändige Arbeitsweise del Sartos. Dies demonstriert vor allem auch die dokumentierte Forschung: Die Restaurierung oder besser: Übermalung des 18. Jahrhunderts gemäß des damaligen Zeitgeschmacks und die „Wiedergutmachung“ 1877 wurden jetzt in München auf ein erträgliches Maß reduziert, man gibt auch den Blick frei auf Unterzeichungen. Das allein wird schon zu neuen Diskussionen über die Datierungsgrundlagen anregen. Und, viel wertvoller, zum genauen Hinschauen auf das Können eines einst hochgerühmten und dann eingemotteten Florentiner Meisters bewegen.

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