Direktor Achim Hochdörfer bietet im Münchner Museum Brandhorst neue Kontraste und noch nicht gezeigte Spitzenkunst.

Ausstellung im Museum Brandhorst

Die Sammlung aufgemischt

München - Direktor Achim Hochdörfer bietet im Münchner Museum Brandhorst neue Kontraste und noch nicht gezeigte Spitzenkunst.

Das Poetische und das Vulgäre stehen jetzt hautnah nebeneinander. Historisch verzwirbelte, feinsinnige Malereien zum Beispiel neben übergroßen Fäkalien. Die plakative Pop Art dagegen offenbart nun sehr deutlich ihre düsteren Seiten. Das ist die Ambivalenz der Dinge (und der Kunst), die Achim Hochdörfer liebt. Das sind auch die Kontraste, die der neue Direktor im Münchner Museum Brandhorst inszeniert. Alte und bisher nicht gezeigte Spitzenkunst machen das Haus zu einem neuen Dauerbrenner.

Wirklich neu ist dabei der Dialog im ersten Stockwerk. Der Amerikaner Cy Twombly (1928–2011) behält zwar seine Apsis mit dem monumentalen Lepanto-Zyklus von 2001, aber die restlichen Räume mischt nun der Österreicher Franz West (1947–2012) auf. Auf den ersten Blick trennen die beiden nicht nur 19 Jahre Altersunterschied, sondern charakterliche und künstlerische Grundzüge.

Da ist Twombly, in Europa geschätzt als der aus der Zeit gefallene Feingeist, der zwar durchaus gestisch, großformatig, energetisch seine Schlachten- und Bacchus-Zyklen malte, der aber eben auch nach den vielen Schichten der Malerei, der Literatur und der Geschichte forschte. Und dann ist da Franz West, der mit Riesenskulpturen „Das Fragile an seiner Kloake“ in schrillen bis verdächtigen Farben teils als Sitzmöbel thematisierte und der Twombly als eine Botschaft „wie eine Flaschenpost“ aus einer anderen Zeit aufgriff. Sie haben dennoch erstaunlich viel gemeinsam. Nicht nur die Nähe der Farben und der Hang zur Größe wird bei den rauschhaften Twombly-Bildern und den West-Ausscheidungen sichtbar.

Auch der Saal mit Twomblys Rosenbildern erfährt nun durch West eine optisch äußerst dekorativ anknüpfende, inhaltlich ironische Bereicherung. Größenverhältnisse im direkten wie übertragenen Sinn werden hier zudem auf den Kopf gestellt. Der Rest der Säle im ersten Stock spiegeln in vielen Bildern und noch mehr Skulpturen – gern ganz in Weiß – die bisher weniger thematisierten Seiten der Künstler wider: einen fragilen West, einen Bildhauer Twombly. Womit sie sich in der Mitte treffen und womit Hochdörfer sagen will: Beide traf der Fluch der zu spät Geborenen, die zwischen allen Stühlen sitzen. Beide zwang aber genau diese Position zwischen den Revolten zu Beginn und Mitte des 20. Jahrhunderts zur völligen Eigenständigkeit.

Der überragende Dritte im Museumsbunde ist weiterhin Andy Warhol (1928–87). Mit ihm und seinen Zeitgenossen wird nun „Dark Pop“, die Schattenseite einer vermeintlich oberflächlich schillernden Szene der Sechziger- bis Achtzigerjahre, gezeigt. Diesem Fokus fiel zwar eine ganze Reihe weiterer Strömungen und Künstler zum Opfer, allerdings entwickelte sich so ein konzentrierter Dialog, den der Ende 2013 neu angetretene Direktor zum obersten Ziel erklärt hat. Dreh- und Angelpunkt sind die Arbeiten Warhols zum Letzten Abendmahl und endlich auch die phänomenalen Zeichnungen und Malereien dazu. Ergänzt um seine berühmten Promi-Porträts wird einmal mehr klar, dass sich der Superstar intensiv mit Kult, Religion und Tod auseinandersetzte. Bruce Naumans Katzenkadaver, Robert Gobers obszönes letztes Lichtlein passen dazu hervorragend.

Zur Warhol’schen Leistungsschau in einem dichten Sonderraum gesellen sich weitere politische Positionen von Sigmar Polkes Evergreens bis hin zu Cady Nolands und Mike Kelleys Sozialstudien. Nebenbei werden auch formale Annährungen – zum Beispiel von Alex Katz und Seth Price – geboten. Diese Lehrsäle der optisch und inhaltlich vergleichenden Kunstgeschichte stehen wiederum im Kontrast zum Untergeschoss: Es ist seit Februar ganz allein Günther Förg (1952–2013) gewidmet (siehe Kasten). In diesem Sinne wird es weitergehen: In Zukunft sollen im Hause auch vermehrt Positionen der zeitgenössischen Malerei gezeigt werden. Man darf gespannt sein, wie Hochdörfer hier die Diskrepanz zwischen den weitem Blick und dem konzentrierten Fokus, den Rhythmus zwischen lauten und leisen Räumen umsetzt.

Von Freia Oliv

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