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Von München nach New York: Das Portal der alten Hauptsynagoge (Foto links), rechts deren Zerstörungen, hinten der Washington- Heights-Supermarkt, in dem früher die Synagoge Beth Hillel war. Die Vitrine in der Mitte enthält zwei Gebäudereste des Münchner Gotteshauses und einen Judenstern, die die Emigranten in die USA mitnahmen.

Ausstellung: Zwei Steine und ein Judenstern

In der Reihe „Orte des Exils“ zeigt das Jüdische Museum München nach Istanbul und Tel Aviv die Schau „Munich and Washington Heights“ als Ergänzung zu der langfristigen Präsentation „Stadt ohne Juden“.

Für den elfjährigen Buben sei die Schifffahrt nach New York natürlich schön gewesen, die Sorgen der Eltern seien ihm nicht bewusst geworden. Erst die munteren Wanzen in der schäbigen ersten Bleibe in New York machten den Verlust der „sauberen“ Heimat München klar. Eric Bloch (81) erzählt das mit Humor und einem wunderbar makellosen Honoratioren-Münchnerisch, das man heute fast überhaupt nicht mehr zu hören bekommt. In einem Film-Interview bleibt der gebürtige Münchner Jude, der mit seinen Eltern 1939 vor den Nazis in die USA floh, während der Laufzeit der Ausstellung „Orte des Exils 03: Munich and Washington Heights“ für die Besucher des Jüdischen Museums präsent: als lebendes Geschichtsbuch der Münchner und New Yorker Geschichte.

Dabei geht es um das Nord-Manhattaner Viertel Washington Heights. Einst vor den Toren der Stadt gelegen, wurde es zunächst von Sommervillen und später von Mietskasernen überwuchert. Heute spricht man dort mehr Spanisch als Englisch, geschweige denn Deutsch. In der Schau zeigen Fotos auf großen Dia-Fahnen den Wandel des Quartiers und wie es heute ausschaut. Viel schlimmer aber war der Wandel der Stadt München , denn er war diktatorisch, rassistisch, mörderisch begründet.

Auf dem Bild: Ein Bagger zerfetzt ein Gotteshaus. Hitler selbst hatte befohlen – noch vor der Reichspogromnacht –, die Hauptsynagoge beim Künstlerhaus abzureißen (7. Juni 1938). Nach New York wanderten neben vielen Münchnern, einigen sakralen Gegenständen nur noch ein Stückchen Sandstein, eines aus schwarzem Marmor, beide von der Synagoge, und ein Judenstern.

Aufbewahrt wurden diese „Mahnmale“ in der Synagoge Beth Hillel in Washington Heights. Die deutschen Immigranten hatten sich dort angesiedelt und wollten (zunächst) in ihrer Landessprache und in ihrem süddeutschen Ritus Gottesdienst feiern. Mitteilungsblätter und Broschüren der Congregation Beth Hillel of Washington Heights erzählen in der Ausstellung davon. „Es war eine richtige Transplantation“, konstatiert Eric Bloch. Der Münchner Rabbiner Leo Baerwald (1883 bis 1970) – „ein gscheiter Kopf, sehr spirituell“ – war der geistige Mittelpunkt, unterstützt von dem früheren Unions-/Löwenbräu-Besitzer Hermann Schuelein und den späteren Kantoren Josef und Hermann Silberman.

Die Gemeinde wuchs, hatte in den 50ern ihre größte Mitgliederzahl. Die Synagoge, heute ein Supermarkt, lag 571 West 182. Straße. Ab 1946 konnte man sich endlich ein eigenes, umgewandeltes Gebäude leisten. Mitte der 60er-Jahre aber begann Beth Hillel (Haus Hillel) zu schrumpfen. Die Jungen zogen weg, die Alten starben. 1980 vereinigte man sich mit Beth Israel , 2000 musste die Synagoge schließen. Die Spur der Congregation hätte sich wohl verloren, wenn nicht das Jüdische Museum die Relikte aufgespürt hätte: etwa die Münchner Synagogen-Reste, die über die jüdische Gemeine New Jersey zu uns zurückkamen. Auch Tora-Mantel oder -Schild machten ihre Reisen: Flucht, Erinnerung, Wiederkehr. Einige wenige Stücke, die rührend signalisieren, dass München nicht mehr die Stadt ohne Juden ist.

Von Simone Dattenberger

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