Erich Heckel schuf das Gemälde „Am Waldteich“ im Jahr 1911 (Ausschnitt). Foto: nachlass Heckel

Ausstellung: Das Paradies lag um die Ecke

Bernried - Das Buchheim Museum Bernried zeigt „Sommerfreuden - Badefreuden. ,Brücke‘-Künstler in Moritzburg, Dangast und Fehmarn“.

Ab ins Paradies - gleich um die Ecke. FKK-Urlaub an der Ostsee, Freizügigkeit an den Moritzburger Teichen bei Dresden, Südsee-Ersatz auf Fehmarn - das war der Künstler- und Revoluzzertraum vor 100 Jahren. Jetzt sind die „Badefreuden“ nach Bernried gekommen: Die neue Ausstellung im Buchheim Museum lockt mit aller Macht an den und an die See.

Noch heute erregen die vielen Akte in der Strandlandschaft Aufsehen. Damals waren sie Tabubruch. Die Künstlergemeinschaft „Die Brücke“ zog ab 1905 aus, um das Unberührte, Unverbildete, Unmittelbare hautnah zu erleben. Die Vorlagen dazu fand sie in den Völkerkundemuseen. Blühende Farbigkeit und reduzierter Strich waren dann das Ergebnis der deutschen Wilden. Auch wenn bisher schon manche Entdeckung in Bernried zu machen war, so ist nun mit einer Fülle an neuen Arbeiten aus Buchheims Beständen ein Ausflug der Extraklasse möglich. Sogar Bild-Rückseiten geben Geheimnisse preis: Zum aufmüpfig lümmelnden „Schlafenden Pechstein“ (1910) von Erich Heckel gesellen sich nun rückwärtig nicht minder laszive „Badende“ (1920). An den Moritzburger Teichen übertrafen sich die Künstler an Frechheit, konkurrierten um die innovativsten großen Würfe mit wenigen Strichen, fingen Modelle in völliger Gelöstheit ein. Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff eroberten 1907 bis 1910 Dangast an der Nordseeküste für sich. Letzterer blieb noch zwei Jahre länger, ließ den Dorfweg im Bild erglühen. Damals wurde der Normalbürger im Badewagen hochgeschlossen ins Meer gefahren. Welch Kontrast zu der Freiheit der Farbe und der Formen der Ballspieler und Hüpfenden, Räkelnden und Kauernden!

Heckel fand 1913 sein zweites Aussteiger-Domizil an der Flensburger Küste in Osterholz. Dort wurde er zum Landwirt und Maler seines „Balis“ an der lichtüberfluteten Steilküste. Die Zeiten auf dem Land mit ihren Partnerinnen waren die glücklichsten und produktivsten Jahre der Künstler, bevor sie das Kriegsschicksal ereilte. Am heftigsten bei Ernst-Ludwig Kirchner: Bevor er seinen Nervenzusammenbruch erlitt, erlebte er bis 1914 Harmonie auf Fehmarn. Innig beim Waldspaziergang verbunden, fast kalligrafisch die Kähne und die Planschenden erfassend, die großen Schwünge der Buchten aquarellierend, läuft Heckel zu Höchstform auf. Auch Otto Müller entdeckte hier jene Schilf-Akte, die ihn berühmt machen sollten. Mit Max Kaus, dem Expressionisten der nächsten Generation, wird ein Ausblick in eine Farbigkeit gegeben, die ihresgleichen sucht. Und sich allenfalls durch echte Badefreuden am Starnberger See erweitern lässt.

Bis 3. Oktober

Katalog: 8,90 Euro,

Telefon 08158/ 99 700.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel
Journalisten, Schauspieler und Kulturschaffende lesen in den Münchner Kammerspielen Texte des inhaftierten Deniz Yücel. 
Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel
Chris de Burgh in der Philharmonie: Ein lieber netter Kerl
Schlechte Nachrichten für alle, die glauben, Chris de Burgh könne nur die Schnulze „Lady in Red“, das im Radio rauf und runter genudelt wird.
Chris de Burgh in der Philharmonie: Ein lieber netter Kerl
Comic Con München: Diese „Game of Thrones“-Stars sind dabei
Dieses Jahr findet die Comic Con in München statt. Zum ersten Mal kommt die Comic-Messe damit auch nach Bayern. Welche Stars kommen und wo sie stattfindet, erfahren Sie …
Comic Con München: Diese „Game of Thrones“-Stars sind dabei
Indische Experimente am Volkstheater
Bereits zum zweiten Mal inszeniert der indische Regisseur Sankar Venkateswaran am Münchner Volkstheater. Wir haben den Theatermacher vor der Uraufführung seines …
Indische Experimente am Volkstheater

Kommentare