Ausstellung: Pfadfinder gesucht

Die "Spuren des Geistigen" sind äußerst zahlreich, das beweist die Ausstellung im Münchner Haus der Kunst mühelos. Aber sie laufen derart durcheinander, dass sich auch der Geist des Besuchers schnell verwirrt. Ist also von dieser Präsentation abzuraten? Jein.

Wer klar gegliederte, und argumentativ überzeugende Expositionen bevorzugt, sollte die aus dem Pariser Centre Pompidou eingeführte Schau meiden. Allerdings versäumt er dann doch einige großartige Kunstwerke von Goya über Wassily Kandinsky bis Maurizio Cattelan. Wer sich hingegen gern durch einen Gedanken-Dschungel einen eigenen Pfad bahnt, also einmal als echter Spurensucher unterwegs sein will, der hat hier zwischen Kunst und Kitsch durchaus seinen Spaß.

Jean de Loisy hatte eine bemerkenswerte, wirklich spannende Idee. Im laizistischen Frankreich setze er sich auf die Fährte des Spirituellen, Religiösen, Esoterischen, Philosophischen, Göttlichen, Sakralen... "Traces du sacr" ist folglich eine geistesgeschichtliche Schau. Und die wurde mit erschreckend vielen Kunstwerken einfach bloß illustriert. Das ist der Geburtsfehler dieser Exposition.

Für München haben Angela Lampe vom Centre Pompidou und Chris Dercon, Chef des Hauses der Kunst, zwar die Anzahl der Exponate extrem reduziert, de Loisys Denk-Mischmasch konnten sie aber nicht ordnen. Er sammelte unter Kapitel wie "Götterdämmerung", "Zen", "Homo novus", "Profanierung" oder "Kosmische Offenbarung" Gemälde, Grafiken, Skulpturen, Fotografien, Filme und Installationen, die schon irgendwie dazupassen.

Sie könnten aber genauso zu einem anderen Kapitel gehören - oder zu einem dritten. De Loisy wird weder der Geistesgeschichte gerecht mit seinen eingestreuten Hinweisen von der Aufklärung (Glaubensskepsis) über Nietzsches abgedroschenes "Gott ist tot" bis zur Relativitätstheorie, noch den Künstlern.

Wenn diese sich im Wort, in Theorien äußern, dann müssen die Texte analysiert werden, und zwar als eigenständige Aussagen. Die Schöpfungen der bildenden Kunst sind davon unabhängig - auch wenn der Künstler das selbst nicht so sieht. Erst nachdem beide Ebenen für sich betrachtet und untersucht wurden, kann man als Kurator die richtigen Bezüge herstellen. Das mag dem Betrachter nicht bewusst sein, dennoch verspürt er Unbehagen, ja Missmut, wenn Ausstellungen auf diese Weise unsauber "gearbeitet" sind.

Was zählt, ist wirklich große Kunst, denn die sagt mehr als viele Seiten Theorie. Wenn sich Künstler mit dem "Geistigen" gewollt oder ungewollt beschäftigen, müssen sie Nicht-Sichtbares in ihr Medium übertragen: Das lebt jedoch vom Sehen. Francisco de Goya setzt dieses Problem grandios in seine Radierung "Nichts. Wird er sagen" um. Ein Skelettierter oder der Tod selbst, halb versunken im Nichts der Schwärze, bedroht von Dämonen, existiert kaum noch.

Was bleiben wird, ist das Blatt, auf dem "Nada" steht, in seiner toten Hand: Selbst wenn wir Menschen das Nichts denken, wollen wir diesen Umstand als ein Etwas festhalten. Das Gleiche macht die Kunst, ob Gerhard Richter mit seinem eintönigen grauen Gemälde, ob Huang Yong Pings bis zur Decke ragende Gebetsmühle. Beständig kreist sie in Monotonie. Der Künstler reißt diese Litanei auf durch einen bedrohlichen Metall-Klotz, der als Trabant um die Trommel fliegt.

Hier wird Religiöses politisch. Und schon wieder verwischt sich die "Spur des Geistigen", denn daneben sucht Kandinskys Abstraktion den Ausweg aus der schlichten Abbildung und will eigentlich in einen Denk-Raum vorstoßen, nicht in einen religiösen. Und wieder daneben Hilma af Klints harmlose Riesen-Ornamente, die ihr Geist Amaliel 1905 angeblich einflüsterte. Bei solchen "Kontrasten" stürzt die Ausstellung vom Himmel der Kunst in den Sumpf der Lächerlichkeit. Das passiert nicht nur einmal.

Unverständlich auch, warum Joseph Beuys' Schamanismus und Hermann Nitschs Orgien-Mysterien-Theater - eigentlich perfekte Beispiele für das Ausstellungsthema - nur gestreift und räumlich weit weg von "Magie, Ritual, Trance" sowie Ekstase" gezeigt werden. Übrigens Kapitel, die recht ärmlich "ausgestattet" sind. Da hilft auch nicht mehr das bisschen Provokation durch Martin Kippenbergers geschmacklos abgestandenen Witz mit dem gekreuzigten Frosch. Schon eher bewegt einen Cattelans Mahnung: ein Frauenkörper in einer Art Folter-Sarg - zwischen Kreuzigung und Inquisitions-Qual.

Bis 11. Januar 2009

Tel. 089/21 12 71 13; Katalog, Prestel Verlag: 25 Euro.

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