Ausstellung: Politiker und andere Schlawiner

Honoré Daumier ist einer der Heroen der Karikatur, aber auch ein feinsinniger Zeichner. „Provocation et finesse“ heißt denn auch die große Schau in der Münchner Villa Stuck.

Ein windiger Typ steht da oben – über den Köpfen der verdutzt schauenden Zuhörer – und preist Hunderte von Millionen schwere Wertpapiere an. Diese Karikatur entstand nicht 2008 oder 2009, sondern 1836. Dass Schlawiner Leute mit faulen Geldanlagen reihenweise betrügen, ist stets aktuell. Honoré Daumier (1808-1879) hatte diesen „Robert Macaire“ mit seiner roten Hose, rot-gelb gestreiften Weste, mit schwarzem Rock und schwarzer Augenklappe in seine Zeichnungen eingeschleust. Eigentlich war der Gauner eine Bühnenfigur. Aber ab 1835 war die Zensur in Frankreich wieder so streng, dass es Daumier nicht mehr wagen durfte, personifizierte Karikaturen zu entwerfen. Um dennoch den Brutal-Kapitalismus anprangern zu können, kam „Macaire“ gerade recht.

Im 130. Todesjahr des großen Franzosen, der in Marseille geboren wurde, bald nach Paris kam und die bitterste Armut am eigenen Leib erlebte, präsentiert das Münchner Museum Villa Stuck über 150 Arbeiten von Honoré Daumier in Zusammenarbeit mit den Schleswig-Holsteinischen Landesmuseen Schloss Gottorf, dem Kölner Käthe-Kollwitz-Museum und der Daumier-Gesellschaft. Sorgfältig wurden die Blätter für die Schau aufbereitet: Das heißt, die doppelsinnigen Bildtexte (der Zeitschriften-Redakteure, nie von Daumier selbst) wurden übersetzt und die Personen sowie politischen Hintergründe erklärt.

1829 hatte der Künstler als Illustrator begonnen, schon ein Jahr später erwies er sich in seinen Politikerporträts für die Wochenzeitschrift „La Caricature“ als atemberaubender Menschen-Durchschauer. Seine Parlamentarier-Bildnisse sind grandiose Beispiele, wie Äußeres – von den sich breit aufsperrenden Nasenflügel-Falten über die wichtigtuerische Körperspannung bis zu den Falten im Schuhleder – das innerste Wesen einer Person demonstriert. Man staunt daher nicht, dass Daumier diese Herren tatsächlich alle leiblich in Ton erschuf, um sie dann in die flache Lithografie zu übersetzen. Einige dieser Büsten sind in der Stuck-Villa zu bewundern.

Daumier begleitete als hellwacher Beobachter die schnellen Polit-Wechsel seit der Juli-Revolution von 1830: Bourbonen weg, der sogenannte Bürgerkönig Louis-Philippe her, 1848 kurz Republik, ab 1852 wieder Kaiserreich unter Napoléon III. Der 1870/71er-Krieg gegen Preußen wird ihn schließlich stürzen. Der Künstler betrauerte das in den Krieg taumelnde Europa, wie immer klagte er die Mächtigen und Nutznießer an – etwa den aasig grinsenden Waffenhersteller, der höchst befriedigt auf das leichenübersäte Schlachtfeld blickt – und zeigte verzweifelt und doch unermüdlich Mitleid mit den Opfern. Bis er mehr und mehr erblindend sein Werk aufgeben musste.

Wenn es die Zensur zuließ, rannte Honoré Daumier in „La Caricature“ und in „Le Charivari“ gegen die Allerobersten an. König Louis-Philippe wurde zum Vielfraß Gargantua, was den Zeichner ins Gefängnis brachte, und später in die legendäre Birne verwandelt (lange vor Helmut Kohl). Für Napoléon III. musste Daumier (Zensur-)erfinderisch sein. Er schuf „Ratapoil“ (etwa: die haarige Ratte), einen halbseidenen, hageren, aber knotenstock-knorrigen Typen. Und in der Tat trägt der Kerl mit dem Napoléon-Spitzbart einen Schlagstock mit sich, schließlich will man ja seine politische Meinung „nachdrücklich“ vertreten.

Dass Daumier die weichen, komischen, sehnsüchtigen Seiten des Pariser Lebens ebenso sah – sein Strich war zeichnerischer, weniger modellierender geworden–, zeigt die Schau ebenfalls: mit herzerfrischenden Beispielen.

Bis 28. Juni, Tel. 089/45 55 510, Publikation, Edition Braus: 9,80 Euro.

Simone Dattenberger

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