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Ausstellung: Die Schlange lauert überall

Salzburg - Neben dem Salzburger Dom hat sich derzeit gleich zweimal die Sünde festgesetzt. Fast jeden Tag versucht der Jedermann auf dem Domplatz, sie loszuwerden, denn sein letztes Stündlein hat geschlagen.

Direkt am Domplatz, und zwar in der Residenzgalerie, ist das gesamte Panorama der ethischen Verfehlungen in der kompakten Ausstellung "Sünde: Süße Laster - Lässlich Moral in der bildenden Kunst" ausgebreitet.

An dem Titel bemerkt der Besucher schon, dass weniger die furchtbaren Verbrechen im Mittelpunkt stehen, sondern eher die harmlosen: die erotischen eben. Sie erfreuen, ob man sich nun moralisch entrüstet oder bloß schmunzelt, während Gewalt und seelische Rohheit unser Entsetzen hervorrufen. Die Schau verankert den Gedanken der Sünde im Christentum und macht nur einen kurzen Schlenker hin zur Antike. Lust, Vergnügen und Fruchtbarkeit gingen damals eine natürliche Verbindung ein. Das Liebesspiel ist sogar auf kleinen Ton-Öllampen dargestellt. Allerdings wird zu viel Leiblichkeit zwischen Geschlechtlichkeit und Besäufnis doch eher den niedrig bewerteten Satyrn, Silenen oder Faunen zugeordnet. Für Künstler haben sie aber den Charme des Allzumenschlichen, wie ein reizendes römisches Marmorbildnis beweist. Oder im christlichen Barock etwa der Dionysos-Zug auf einem Trinkgefäß.

Während die Antike den Hochmut gegenüber den Göttern (Hybris) ahndet und in heroischen Taten Tugenden sieht, beginnt in der Bibel das Weltgeschehen mit der Sündenlosigkeit. Dann folgt der Sündenfall, und hier setzt die Schau ein. Dabei darf eine "Sünde" von Franz von Stuck - Dame mit Schlange - nicht fehlen. Stephan Balkenhol bereitet 2003 den "Fall" strategisch vor. Das Teufels-Tier wickelt sich um die Beine der Bronze-Eva; da muss sie ja stürzen. Die Sieben Todsünden - Stolz, Trägheit, Geiz, Völlerei, Unkeuschheit, Neid, Zorn - waren Eva noch unbekannt. Dieser Kanon wird im frühen Mittelalter festgelegt.

Buchillustrationen belegen das. In Salzburg sind außerdem Alfred Kubins skurril-düstere Grafiken dazu ausgestellt, aber auch kleine Schmankerl zu Lastern wie der Eitelkeit. Johann Georg Spengler malt 1750 treffend seinen selbstverliebten Narziss, der gerade sein Bildnis im Wasser bewundert, auf einen Spiegel - auf dass wir auf unsere eigene Selbstbespiegelung gestoßen werden.

Naturgemäß gibt es bei den Sünden nicht nur die wohlgerundeten Seiten: exotische Odalisken, hübsch gewandete "Törichte Schwestern", lüsterne Bathsebas, sexy zerknirschte Magdalenas. Die Künstler schildern auch die Folgen: Adam und Eva erleben tiefste Qual. Der eine Sohn ermordet, der andere der Mörder (italienischer Stich aus dem 16. Jh).

Ohnmächtige Not mitten im Gemetzel zeigt der "Bethlehemitische Kindermord" etwa bei L'Orbetto (1610). Die Folgen für die Täter werden ebenfalls nicht vergessen. Wer im Fegefeuer bereuen darf, hat noch Glück. Das unwiderrufliche Urteil fällt beim Jüngsten Gericht. Trotz kleinen Formats inszeniert Frans Francken II. um 1605 einen erschreckenden "Höllensturz der Verdammten" als Fall verknäulter Leiber, die schon im Niedersausen gefoltert werden.

Alle Werke der "Sünde"-Schau haben eines gemeinsam. Den Künstlern geht es nicht allein um den Stoff, sondern genauso darum, was er "hergibt". Eine büßende Magdalena ist die seriöse Gelegenheit, einen Akt zu malen. Außerdem kann man extreme seelische Ausdruckskraft testen. Der "Höllensturz" beweist die Meisterschaft, eine enorm komplizierte Komposition durchzuführen. Und die eigene Homosexualität knallig auszustellen, wie bei Gilbert & George in "Sodom" (1997), signalisiert den Willen zur Provokation. Malerisch gekonnt sind die niederländischen Genreszenen - und pragmatisch verkaufsfördernd die Idee, die dahintersteckt. Derbes und Großartiges liegen oft nahe beieinander. Reformatorisch brav erhebt man den Zeigefinger, um in den mahnenden Bildern genüsslich Saufen, Fressen, Hurerei, (Falsch-)Spiel, auch Rauchen ausschmücken zu können.

Die Exzesse schiebt man gern dem Bauernstand zu, damit sich die bürgerliche Käuferschicht umso besser fühlt. Die Sünde der Heuchelei liegt beim Betrachter. Die Schlange lauert eben überall.

Bis 2. November,

täglich 10-17 Uhr, ab 1.9. Mo. geschlossen, Tel. 0043/ 662/ 84 04 510; Katalog: 21,90 Euro.

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