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Fliegende Zirkus-Clowns, wie Jules Chéret sie 1882 in seiner Farblithografie „Avant la lettre (Hippodrome 4 Clowns)“ festhielt.

Ausstellung: Mit Schwung und Zuckerguss

München - Die Münchner Villa Stuck feiert Jules Chéret, den „Tiepolo des Boulevards“ und Künstler der Belle Époque.

Vorzugsweise rothaarig, Wespentaille, eleganter Hüftschwung, in flatternden Kleidern mit tiefem Ausschnitt und viel Beinfreiheit: So sah Jules Chérets Muse um 1900 aus. Egal, ob es Cabaret-Girls oder Petroleumverkäuferinnen, Allegorien auf die Künste oder die Damen aus der Aperitif-Werbung waren, sie alle haben den Pariser Schick der Jahrhundertwende.

Emanzen treibt das Frauenbild auf die Barrikaden, jüngere Generationen haben mit der etwas hirnlosen, ewigen Zierde weniger Probleme. Damals, vor hundert Jahren, kreierte Chéret (1836–1932) so einen Typus und eine Mode via Plakat und machte aus einer Billignummer anerkannte Kunst. Er rührte für sich und das Dekorative mit einer gewaltigen Produktion gleich die beste Werbetrommel: Mit viel Schwung und Zuckerguss präsentiert das jetzt die Münchner Villa Stuck.

1200 Plakate in 40 Jahren, dazu Gobelins und Möbel, Buchumschläge und Kärtchen: So viel süße Lebensfreude zwischen Pastellblüten und Tänzerinnen hält spätestens seit der Post-Bauhaus-Ära niemand mehr aus. Das Pariser Museum für angewandte Kunst hat zusammen mit der Villa Stuck zum „Künstler der Belle Époque und Pionier der Plakatkunst“ 240 Arbeiten ausgewählt, die den Siegeszug der populären Sujets antreten. Dabei gelang Chéret nach seiner Lithografenlehre in Frankreich zunächst nur ein Einzelhit: Offenbachs Oper „Orpheus in der Unterwelt“ kündigte er in höllischem Rot an, doch weitere Aufträge ließen auf sich warten. So ging Chéret erneut, diesmal für sieben Jahre, nach London, um sich dort am Neo-Rokoko zu ergötzen und mit der Unterstützung und einem umfassenden Gestaltungsauftrag für den Pariser Parfumeur Rimmel seinen Ruhm zu begründen.

Die frühe Handschrift – kleinteilige, detaillierte Episoden – lässt er bald hinter sich, um, zurück in Paris, immer freier, flächiger und fokussierter seinen Stil der gedrechselten Figuren, wehenden Formen und leuchtenden Pastellfarben zu entwickeln. Seitdem tummeln sich Frauen mit Pelzkragen und Puderquasten, Federhütchen, Blumengirlanden und Sonnenschirmen in den betuchten wie verruchten Etablissements: in legendären Spelunken wie dem Moulin Rouge oder in kunstvollen Tanztempeln, wo sich Loïe Fuller beim Schlangentanz zum puren Ornament verwandeln wollte.

Mit seinen Künstlerplakaten ging Chéret auch technisch neue Wege, perfektionierte und ökonomisierte die Lithografie – wie die Zustandsdrucke der Dame im grünweiß Gestreiften mit Katze und Glas perfekt zeigen. Schließlich beschritt der malerische Autodidakt ganz den Weg Richtung etablierte Kunst und Malerei – hatte aber die Rechnung ohne den Widerstand der akademischen Riege gemacht. Als „Tiepolo des Boulevards“ konnte der barock-sinnesfreudige Plakat-Designer ein großes Publikum gewinnen und die Pariser Straßenzüge verwandeln. Die Professoren jedoch versetzte er in Raserei. Angesichts der Theatervorhänge, tanzenden Jahreszeiten-Reigen auf Gobelins und Täubchen auf Teppichen ist die Ablehnung verständlich.

Wenn man jedoch sieht, mit welch genialem Strich und welch farblicher Treffsicherheit er die Karikaturen des Zirkus mit spitzhaarigen Clowns festhält und wie er Literatur auf wenige Schlüsselszenen bündelt, dann versteht man ebenso, dass Chérets Illustrationen bald begehrte Sammlerobjekte wurden. Ob Hintergründe oder Farbenrausch – die Villa Stuck bietet beides an.

Freia Oliv

Bis 5. Februar,

Katalog: 24,90 Euro;

Telefon 089/ 45 55 510.

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