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„Er ist radikal und einzigartig“: Helena Pereña betreut die Ausstellung.

Ausstellung: Der seltene Gast

Kuratorin Helena Pereña spricht im Merkur-Interview über die große Egon-Schiele-Ausstellung im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses.

Egon Schiele bewegt. Wer seine Bilder sieht, kann sich entweder aus der Faszination kaum mehr lösen oder fühlt sich abgestoßen. Das Münchner Lenbachhaus widmet sich im Kunstbau am Königsplatz vom 3. Dezember bis zum 4. März dem Schaffen Schieles (1890 bis 1918) unter dem Motto „Das unrettbare Ich“. Diese Zeitung ist Medienpartner. Nachdem Bilder der Gruppe „Der Blaue Reiter“ aus München zu Gast in Wien waren, revanchiert sich nun die Albertina mit ihren „Schieles“. Helena Pereña, 1981 in Madrid geboren, ist die Kuratorin, die die Schau betreut.

Schiele ist ein Publikumsmagnet. Gab es noch andere Gründe, ihn ans Lenbachhaus zu holen?

Es gibt viele Gründe. Zum ersten ist da ein Jubiläum. Jeder hat vom „Blauen Jahr“ gehört, das die erste Ausstellung – Dezember, Januar – des Blauen Reiter feiert. Aber 1912 im Februar/März gab’s in der Münchner Galerie Goltz die zweite Schau. Dort war gleichzeitig die erste Einzelpräsentation von Egon Schiele zu sehen. Interessant ist, dass beide Ausstellungen nicht kombiniert wurden. Schiele hat sich bemüht, Kontakt zu anderen Künstlern zu knüpfen, und er war mit Franz Marc bekannt. Wir wissen nicht genau, was da passiert ist und warum keine Zusammenarbeit zustande gekommen ist.

Was störte die Künstler des Blauen Reiter an Schiele?

Der Blaue Reiter war stolz auf seine Internationalität. Man hat sich gefreut, dass zum Beispiel die Schweizer mitmachten – aber nicht die Österreicher. Das hat damit zu tun, dass diese Kunst für zu dekorativ gehalten wurde. Vor allem Kandinsky fand, dass diese Arbeiten nicht aus einer inneren Notwendigkeit entstanden. Aber das kann man auf Schiele nicht übertragen. Ich denke, eine Rolle hat Unkenntnis gespielt. Die Zeichnungen hingegen waren bekannter, bei ihnen spielt das Thema Akt eine große Rolle. Das hat der Blaue Reiter nicht behandelt. Sexualität kommt da nicht vor. Schieles Gemälde sind stark vom Symbolismus beeinflusst, von der Secession, sie stammen einfach aus einem anderen Umfeld.

Der Kunstbau erhält die Werke von der Albertina.

Ja, das ist der zweite Ausstellungsanlass: Die Albertina hat die beste Schiele-Sammlung der Welt. Für Arbeiten auf Papier gilt das jedenfalls. Normalerweise wird sie nie gezeigt. Nicht mal in Wien. Schiele ist obendrein ein sehr seltener Gast in Deutschland. Das ist unglaublich! Er ist auch kaum in deutschen Museen vertreten. Die letzte Ausstellung in München wurde vor über 20 Jahren in der Hypo-Kunsthalle konzipiert. Der dritte Grund ist der wichtigste: Wir wollen einen ganz neuen Blick auf Egon Schiele werfen. Er war im Gefängnis, hatte eine lange Affäre mit seinem Modell, ist früh gestorben – das prädestiniert für Legendenbildungen.

Ihm wurden sexuelle Übergriffe auf Minderjährige vorgeworfen.

Das ist schnell widerlegt worden, aber bis die Bürokratie reagierte, saß er 24 Tage ein. Wegen all dem wird sein Schaffen immer sehr stark mit seiner Vita verknüpft. Das übt so eine Faszination aus, dass viele vergessen, seine Kunst als Kunst zu beachten. Das möchten wir anders machen. Im letzten Teil der Ausstellung werden wir auf Schieles andere Biografie hinweisen: nicht die Klatschgeschichten, sondern seine Beziehungen zu anderen Künstlern. Das zeigt auch, wie engagiert Schiele war, wie offen für Anregungen. Er war kein Künstler, der abgeschlossen von der Gesellschaft seine Ideen entwickelte. Das ist ein Mythos!

Wo genau setzen Sie Ihren Akzent?

Der Schwerpunkt der Schau „Egon Schiele – Das unrettbare Ich“ zeigt ihn im Kontext seiner Zeit. Wien um 1900 ist eine sehr spannende Epoche. Ungewöhnlich viele Maler, Literaten und Musiker waren dort. Man fragt sich: Warum diese Kreativität? Es ist naheliegend zu denken, dass die letzten Jahre der Donau-Monarchie, die von Krisen geplagt wurde, ein großes Potenzial hatte. Die Krise gab es überall. Neue Erkenntnisse der Wissenschaft hatten das alte Weltbild erschüttert. Religion als Gewissheit, die Bedeutung der Sprache und die eigene Identität wurden in Frage gestellt. Und in Wien war das besonders ausgeprägt, weil hier die Industrialisierung so spät stattfand und das k.u.k.-Reich so heterogen war. In Schieles Werk bemerkt man aber Bestrebungen, Identität neu aufzubauen. Man sieht, wie er sich vorantastet, zum Beispiel in den Selbstbildnissen. Er schuf ja in 28 Lebensjahren über 170 Selbstporträts. Eine unglaublich hohe Zahl! Er versucht, das Ich neu zu definieren. Das ist keine resignative Haltung.

Aber es heißt „Das unrettbare Ich“.

„Das unrettbare Ich“ ist ein Zitat. Hermann Bahr hat es von Ernst Mach, einem Physiker der Zeit. Er hatte sich auch damit beschäftigt, dass das Ich nicht wie bei Kant eine feststehende kognitive Einheit ist, sondern dass es sich auflöst. Das hat Bahr popularisiert. Es wurde überall diskutiert. „Das unrettbare Ich“ soll sich bei uns auf die Subjekt-Krise und alle anderen Krisen beziehen.

Die Umwälzung in dieser Zeit war gigantisch. Wie wollen Sie das darstellen?

Das ist unmöglich. Wir konzentrieren uns auf die Kunst und betrachten sie unter bestimmten Gesichtspunkten. Es gibt ergänzend einen Audioguide und ein Rahmenprogramm.

Was sind das für Gesichtspunkte?

Wir beginnen mit dem Subjekt – Bildnisse und Selbstbildnisse. Es folgt „Natur als Utopie“ – etwa Schieles Porträts von Blumen. Schließlich die Gedichte, die all seine Motive spiegeln. Wir wollen Egon Schiele als Autor bekannt machen. Es ist spannend zu erleben, wie er visuell und sprachlich die Stoffe behandelt: Die Bilder sind brüchiger, die Gedichte zum Teil eindeutiger. Schiele inszeniert sich außerdem als Künstler, als Seher. Bedeutsam sind außerdem seine künstlerischen Strategien: sein Umgang mit dem Raum. Er hat Bilder oft um 90 Grad gedreht, um den Blick zu irritieren – und setzte auf Leerstellen in der Fläche.

Schiele schildert in seinem Werk offensiv die menschliche Sexualität.

Das ist ebenfalls ein Punkt der Ausstellung: „Sexuelle Drastik“. Schiele malte nicht einfach erotische Bilder. Das sind Werke, die Sexualität zeigen – mit all ihrer Problematik. Er beschäftigte sich mit Tabus seiner Zeit. Er ist da radikal – und einzigartig.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger.

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