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Für das Bild „Powershift CIA“ ließ Armando Lulaj einen Hund über die Flagge seines Heimatlandes Albanien springen.

Ausstellung in städtischer Kunsthalle: Der Künstler darf kein Feigling sein

München - Die städtische Kunsthalle „lothringer 13“ zeigt erstmals Arbeiten des Albaners Armando Lulaj in Deutschland. Der Künstler ist bekannt für seine provokativen Werke.

Eine Stunde lang harrten die fünf Männer vor zwei fiesen Dobermännern aus. „Arbeit macht frei“ leuchtet dazu die Neonschrift spiegelverkehrt wie aus der Sicht der Lagerinsassen.

Die Herren für den unbequemen Job wurden per Zeitungsinserat gesucht, waren Migranten und brauchten die fünfzig Euro Lohn. Die Dobermänner bekamen je 200 Euro.

Am Ende tauchten nicht die Menschenrechtler bei Armando Lulaj auf, sondern die Tierschützer… Ein Kommentar dazu erübrigt sich.

Teil einer "politischen Mastrubation"

Die Kunst des Albaners hat bisher regelmäßig für Ärger gesorgt, so sehr streut er Salz in die gesellschaftlichen und politischen Wunden. Dass ihn Münchens städtische Kunsthalle „lothringer 13“ nun zu seiner ersten deutschen Einzelausstellung einlud, beweist Mut und Engagement. Und zwar von allen Seiten.

Denn Lulaj überlässt es den Besuchern nicht, nur die anderen anzuprangern. Er macht sie selbst zum Teil einer „politischen Masturbation“: Er integriert den Kunstbetrachter in die Regeln der rassischen Trennung der USA, weist ihm seine Rolle in der „Silent Sozial Corruption“ zu und steuert mit ihm sogar innerhalb der allgegenwärtigen sozialen Korruption still und leise selbst in die Kriminalität, indem er Teile seiner Arbeiten von Illegalen fertigen ließ.

Mit einem Ölfass durch Rom

Lulaj stellt sich also auf die Seite der Flüchtlinge, Asylanten, Migranten, er sieht sie als „die heutigen Juden“ und die Gesellschaft als Mit-Übeltäter. Seiner Schuld soll sich der Kunstbetrachter selbst bewusst werden. Lulaj macht keine großen Protestaktionen, allenfalls provoziert er sie: „Kunst kann für sich selbst kämpfen“, ist er sich sicher.

Dafür wechselt er zwischen Schock und sanften Tönen und hat zugleich eine neue Gattung geschaffen: investigative Kunst. Für die Filme und Fotos von „Reflection on Black“ rollte Lulaj, der in Italien lebt und in Bayern ein Stipendium bekam, mit einem Ölfass durch Rom, um in ästhetischen Fotos auf der Ölfläche die Altstadtresidenzen einzufangen und gleichzeitig zu zeigen, durch welche Geschäfte sie finanziert wurden.

Der Künstler darf kein Feigling sein

Schließlich lässt er den UN-Sitz in New York direkt aus dem Ölfass entwachsen und spielt auf die Millionencoups an, die hohe Beamte in Kuwait und Irak gemacht haben. Korruption ist also das große Thema Lulajs, das er auch mit den beiden Leuchtsternen „Schizophrenic Nostalgia“ inszeniert, die die Nostalgie für und den Sozialismus an sich in die Nähe psychiatrischer Symbole rückt.

Auch der im Raum schwebende Bildschirm zur „Passion“ ist zunächst ein verschlüsseltes Bild. Wer auf die Rückseite geht, erkennt im Film, wie Marx’ „Kapital“ im Schlachthaus verschmiert wird. Gräuel unter roter Flagge also…

Über Kommunismus und Kapitalismus unterhalten sich dabei drei alte Männer, die eigentlich in beiden Systemformen nie eine Chance hatten. Um nicht alleine der Sprecher der unterdrückten Minderheiten zu sein, hat Lulaj einen Raum für junge Künstler freigegeben. Bewerben kann sich, „wer eine Persönlichkeit hat“. Denn für Lulaj und seine Kunst darf man kein Feigling sein.

Freia Oliv

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