Ausstellung: Das Unsichtbare sehen

München - „Drunter und drüber - Altdorfer, Cranach und Dürer auf der Spur“: Die Alte Pinakothek deckt mit ihrer neuen Ausstellung Unterzeichnungen auf.

Albrecht Altdorfer, Lucas Cranach d. Ä., Hans Holbein, Hans Baldung Grien und Albrecht Dürer haben eine Arbeitstagung im Raum neben dem Klenzeportal der Alten Pinakothek. „Drunter und drüber“ geht’s bei diesen Heroen der Kunstgeschichte, nicht weil sie gschlamperte Bohemiens wären, sondern weil sie gewissenhafte Künstler waren. „Drunter und drüber“ nennt sich die vierte Schau im Jubiläumszyklus zum 175-jährigen Bestehen des Münchner Bildertempels. In ihr begibt sich Experte Martin Schawe (Referent für Altdeutsche und Altniederländische Malerei) auf Spurensuche.

Vor fünf, sechs Jahren startete er das Projekt, die Unterzeichnung von diversen Top-Gemälden zu untersuchen. Die technische Unterstützung hierfür kommt vom Doerner Institut, das die Möglichkeiten der Infrarotaufnahmen mithilfe des Computers perfektioniert hat. In der Ausstellung erlebt der Betrachter Fotos, die genauso groß sind wie die daneben hängenden Gemälde. Man wird aber nicht wie bei Röntgenbildern durch graues Gewölk verwirrt, sondern sieht genau, wie der Künstler gearbeitet hat. Atemberaubend ist Altdorfers „Alexanderschlacht“ (1529) mit Myriaden von Kriegern, der Weltenlandschaft und dem magischen Himmel ohnehin. Und die Unterzeichnung beweist, wie extrem präzise der Künstler sein Gemälde vorbereitet hat. Man entdeckt: Eine Burg im Gebirge hat er fürs Gemälde fallen lassen, die Insel Zypern ist verrutscht worden, und die fliehenden Perser sind perspektivisch korrekter geworden. „Wir haben ein zweites Kunstwerk dazugewonnen“, begeistert sich Schawe für die „versteckte“ Grafik.

Gute Zeichner waren sie alle, mal suchend, korrigierend wie Cranach bei seiner revolutionären „Kreuzigung Christi“ (1503), mal virtuos modellierend wie Dürer bei seinem berühmten Selbstporträt (1500). Unendlich fein schraffiert der dünne Pinselstrich die Gesichtszüge, energischer, lockerer wird die eigene Hand charakterisiert. Ganz anders, viel traditioneller, ging Dürer noch bei der „Schmerzensmutter“ (1495/ 98) vor. Sie rührt einen am meisten, denn 1988 wurde sie durch das Säureattentat extrem schwer beschädigt. Nach 23 Jahren ist sie nun wieder vollständig restauriert zu bewundern. Nur die Infrarotreflektografie erzählt von den furchtbaren Wunden.

Simone Dattenberger

Bis 18. September.

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