Walt Disneys Münchner Wurzeln: „Im Familienbad“ von Heinrich Kley. Fotos: Villa Stuck

Ausstellung in Villa Stuck: Viechereien und befreite Farbe

München - Die Münchner Villa Stuck zeigt in zwei neuen Ausstellungen Werke von Heinrich Kley und Cornelius Völker. Wir haben sie besucht.

Bisher hielt man Micky Maus und Onkel Dagobert ja für waschechte Amerikaner. Aber jetzt kommt es ans Licht, dass der Stammbaum der bekannten Comic-Figuren auch eine Münchner Wurzel hat. Walt Disney war nämlich ein großer Bewunderer und Sammler der witzigen Zeichnungen des Münchner Künstlers Heinrich Kley, auf denen Tiere in menschlichen Rollen agieren. Zwar keine Mäuse und Erpel, sondern eher Dickhäuter, aber das Prinzip ist das gleiche wie später in Entenhausen, und Disney hat immer bekannt, dass er Kleys vermenschlichter Menagerie wesentliche Anregungen verdankt. Besonders deutlich wird das an Kleys Zeichnungen Schlittschuh-laufender Elefanten, die als direkte Vorbilder in Disneys Zeichentrickfilm „Fantasia“ von 1940 eingingen.

Mit einer großen Ausstellung über Heinrich Kley (1863-1945) sorgt das Museum Villa Stuck jetzt für die überfällige Wiederentdeckung eines vergessenen Künstlers. Der gebürtige Karlsruher gehörte in der Epoche vor dem Ersten Weltkrieg zu den bekanntesten Zeichnern der damals stilprägenden Münchner Zeitschriften „Simplicissimus“ und „Jugend“. Seine unangefochtene Meisterschaft entfaltete er eben im Bereich humoristischer Tierbilder, auf denen etwa Lurche, Echsen und Krokodile als „Politiker“ debattierend um einen Wirtshaustisch sitzen. Ein anderes Blatt zeigt einen bayerischen Elefanten mit Weste, Uhrkette und Hut bei der „Heimkehr vom Salvatorkeller“ tapsig die Treppe zu seiner Wohnung hochsteigen.

Neben diesen herrlich treffsicheren, psychologisch hintersinnigen Viechereien, die allzumenschliche Verhaltensweisen aufs Korn nehmen, gibt es aber auch zahllose Arbeiten, in denen Kley die typischen Motive seiner Zeit satirisch aufgreift: Da wimmelt es von Kentauren oder Teufelchen, und viele Blätter umkreisen halb augenzwinkernd, halb frivol das Thema Erotik. So wie das Bild, auf dem eine schöne Nackte mit Reitgerte als „Dompteuse“ einen Drachen bändigt.

Im Gegensatz zu Thomas Theodor Heine oder Olaf Gulbransson, die - ganz Jugendstil-typisch - lineare Konturen und eine flächige Darstellungsweise bevorzugen, pflegt Kley einen gelöst-strichelnden, plastischen Zeichenstil. In ihm hallt deutlich die Üppigkeit des Gründerzeit-Barock nach, die dann mit der flirrenden Nervosität der Jahrhundertwende-Stimmung aufgeladen wird.

Vielleicht trug diese etwas konventionellere Stilhaltung Kleys dazu bei, dass er später in Vergessenheit geriet. Anders als seine heute noch bekannten „Simplicissimus“-Kollegen, die mit ihrer konsequenten Jugendstil-Ästhetik in Erinnerung blieben. Bemerkenswert und ungewöhnlich ist schließlich aber noch eine ganz andere Facette von Kleys Werk: Als Industriemaler schuf er detailgenaue Bilder von Hochöfen und Stahlwerken der Firmen Krupp oder MAN, die teilweise wie Vorausgriffe auf die Neue Sachlichkeit der Zwanzigerjahre wirken. Was hätte dazu wohl ein Großindustrieller wie Onkel Dagobert gesagt? „Schockschwerenot!“ wahrscheinlich...

Alexander Altmann

Bis 1. Mai

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