Ausstellung: Der wahrhaft schöne Schein

München - 100 Objekte sind in der Schau "Positionen zeitgenössischer Silberschmiedekunst zu sehen. Die Neue Sammlung präsentiert in der Münchner Pinakothek der Moderne ein "glanzvolles"Panorama.

Nah am Himmel, knapp unter der Kuppel der dritten Pinakothek schimmert und strahlt der edle Silberton im Sonnenschein. Nicht protzig wirkt all das Edelmetall. Seine Kraft liegt im "Understatement". Potenzielle Käufer wissen das immer weniger zu schätzen. Mit dem schwierigen Handwerk des Silberschmieds kann sich heute kaum noch jemand ernähren.

Damit dieses Können, das es seit Jahrtausenden gibt, erhalten bleibt, fördern die Gesellschaft für Goldschmiedekunst und das Deutsche Goldschmiedehaus in Hanau nach Kräften diese wundervolle Kunst. Seit über 40 Jahren wird deswegen die Silbertriennale abgehalten. Ihre Bedeutung sei in diesen Jahrzehnten international derart groß geworden, dass Hanau die Veranstaltung kaum mehr allein stemmen kann, erzählt Corinna Rösner, Kuratorin im Design-Museum Neue Sammlung.

Fachkundige Unterstützung kam - Stichwort: Jury - natürlich auch von München. Die Neue Sammlung hat selbst einen exzellenten Silber-Schatz und sammelt systematisch. "Wir haben gerade ein Silberservice von Zaha Hadid erworben", berichtet Rösner. Wie bei der Architektin nicht anders zu erwarten, eine Art Skulptur. Die finanzielle Unterstützung für die Triennale kam jedoch von der "einzigen noch verbliebenen Silbermanufaktur in Deutschland". Das Flensburger Unternehmen Robbe & Berking (seit 1874) wirbt nicht nur für Silber, sondern freut sich vor allem, neue Talente zu entdecken. Zusammenarbeit nicht ausgeschlossen.

Bei der 15. Triennale gab es 147 Teilnehmer aus 19 Ländern von Belgien bis Südkorea, von den USA bis Finnland. Eingereicht werden konnten Werke im Bereich "Besteck/ Tafelgerät" oder "Freies Objekt". Die nun im obersten Stock der Rotunde hervorragend präsentierten 100 Gegenstände gehören zu einer, ebenfalls internationalen, Ausstellungstournee. Das Interesse an der Arbeit der Silberschmiede ist also durchaus da. Und es gibt Menschen, die nicht nur ein Milch-und-Zucker-Set aus dem 19. Jahrhundert kaufen wollen, sondern ein Stück der Gegenwart, ein individuelles Objekt - und wenn sie es abstottern müssen.

Alle, die echtes Handwerk lieben, Design nicht nur als oberflächlich "chic" empfinden und kunstsinnig sind, werden die Ausstellung der Silbertriennale genießen. Von sehr elegant bis erdig rau, von naturhaft bis skurril, von reiner Kunst bis richtig praktisch, von verspielt bis puristisch streng sind alle Positionen vertreten. Immer handwerklich perfekt und sehr oft einfallsreich gearbeitet. Hämmern, Schmieden, Montieren, Treiben, Löten, Gießen, Pressen, Stanzen, Sägen, Punzieren, Falten kommen zum Einsatz. Kombiniert wird mit Material von Holz bis Acryl; verziert mit Email bis zur Säurebehandlung.

Die Preisträger spiegeln die Vielfalt wider. Den ersten Preis gewann die Koreanerin Mihwa Joo - das Land bringt ausnehmend gute Silberschmiede hervor. Ihre Vase ist gehämmert und scheint aus verschiedenen, leicht geschwungenen Abschnitten zusammengesteckt zu sein. Die Form spielt mit sich selbst, ohne jedoch zum Selbstzweck zu werden.

Das trifft auf den zweiten Preis fast zu. Der Deutsche Andreas Decker schuf eigentlich eine strahlend polierte, konstruktivistische Plastik, die man als Schale benutzen könnte. Fausto Maria Franchi bekam für seinen "Cup Tolleranza" den dritten Preis der Triennale. Er ziselierte und prägte einen Feinsilber-Topf, der mit seinen lustigen Fühlern Heiterkeit erregt, aber doch einen hausfrauenfreundlichen Griff hat.

In solch eine witzige Richtung gehen gleichfalls Mike Sharpes Eierbecher auf Tentakel-Beinen oder Anouck van Puyveldes Schalen aus versilbertem Messing-Draht, die ein wenig an Vogelnester im Bau erinnern. Richtig lustige Ironie gibt's auch in Silber: Bettina Geistlichs Suppenlöffel aus Buchstaben - taugt mit all seinen Löchern nicht einmal für die Buchstabensuppe. Noch faszinierender, wenn auch "stiller" sind jedoch die Arbeiten, die Grandezza ausstrahlen wie Johannes Borsts "Lavabo": Becken und Kanne (Scheibe, Ellipsoid samt Kegelspitze) - werden zu überirdisch klaren, schönen Formen.

Bis 21. September

Tel. 089/ 23 80 53 60, Katalog: 20 Euro.

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