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Ai Weiwei im Krankenhaus.

Ausstellung von Ai Weiwei im Haus der Kunst

München - Ai Weiwei stellt in Kürze im Haus der Kunst aus. Jetzt berichtete er in München von den Folgen der Misshandlung durch die chinesische Polizei.

Ein großes Pflaster am Kopf, am Morgen frisch aus dem Krankenhaus entlassen, so hielt Ai Weiwei sein Pressegespräch gestern Vormittag in München. Er wurde damit unversehens selbst ein Stück des Skandals in seiner Heimat China, den er mit einer Fassadeninstallation am Haus der Kunst anprangert. Der Ausgangspunkt war ein heftiges Erdbeben in der Provinz Sichuan im Mai 2008. Unter den etwa 80 000 Opfern waren mehrere tausend Kinder: Seltsamerweise waren die Schulen in sich zusammengefallen, während umliegende Häuser stabil waren. Den Vorwurf, beim Bau gepfuscht zu haben, wies die Regierung weit von sich, versprach den Eltern aber Nachforschungen. Stattdessen kam es zu Verfolgungen, Unterdrückung und der Androhung von Repressalien.

Ai Weiwei ließ sich nicht ins Bockshorn jagen: Mit 30 Freiwilligen recherchierte er die Identitäten der Opfer, wurde angegriffen, mit großer Kamera überwacht und filmte dann selbst die Polizei. Dass er 4000 Namen von Toten in seinem Blog veröffentlichen konnte, ist ein großes Stück Zivilcourage von allen Seiten – das jetzt zu einem schmerzhaften Eklat führte: Weiwei sollte als Zeuge eines Angeklagten auftreten, der bei den Schulhaus-Untersuchungen dabei war und sich deshalb wegen „Untergrabung der Staatsgewalt“ verantworten musste. Am Tag der Verhandlung stürmte die Polizei nachts das Hotel, nahm Ai Weiwei samt zehn Helfern fest und ließ sie erst nach dem Prozess wieder frei. Die gewaltsame Festnahme mit einem starken Schlag auf den Kopf, den keiner ausgeführt haben will, bescherte Weiwei ständige Kopfschmerzen, später Schwindel und Schwäche.

Als er am Montag vergangener Woche ins Krankenhaus ging, war es höchste Zeit: Das Hämatom im Hirn konnte noch erfolgreich operiert werden. Auch wenn der documenta-Künstler, Filmer, Autor und Architekt nun um sich und seine Freiheit Angst hat: Er hofft weiterhin auf „bessere Bedingungen“. Und kämpft: „Die Eltern haben nicht nur ihre Kinder verloren, sondern auch den Glauben an die Wahrheit.“

Weiwei, der sich nicht als Aktionist sieht, sondern als Erforscher der Wahrheit und des Gesellschaftsverständnisses, hatte lange vor der Attacke das Münchner Projekt geplant: Er ließ 9000 Rucksäcke in fünf Farben anfertigen, die er momentan an einem Stahlgerüst vor der 100 Meter langen und zehn Meter hohen Fassade des Hauses der Kunst anbringt. Sie stehen für die Überreste der verschütteten Kinder und ergeben in chinesischer Schrift den Satz: „Sieben Jahre lang lebte sie glücklich in dieser Welt.“ So wollte eine Mutter ihrer Tochter gedenken.

Mit der Installation „Remembering“, also „Erinnerung“, hat Weiwei den passenden Ort gewählt, an dem er seine Betroffenheit und seine Gedanken über Kunst und Gewaltherrschaft mit allen teilen kann: „Für mich ist das Haus der Kunst, das in Hitlers Auftrag für die Leistungsschauen deutscher Kunst errichtet wurde, inhaltlich und formal der geeignete Rahmen dazu.“

Weiweis großes Plädoyer für eine Kultur der Verantwortung statt für eine lauwarme Entschuldigungskultur ist in der Ausstellung ab 12. Oktober unter dem Titel „So Sorry“ und jetzt schon im Internet zu sehen: aiweiwei.blog.hausderkunst.de.

Freia Oliv

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