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Ai Weiwei inmitten der Installation „Rooted Upon“, umgeben von Fotos seiner Landsleute, die 2007 mit ihm zur Documenta kamen.

Ausstellung von Ai Weiwei: Totholz, das vom Leben träumt  

Der chinesische Künstler Ai Weiwei kann es mit den Medien. So ist der politisch Engagierte zurzeit nahezu dauerpräsent. Wie aber ist seine Ausstellung „So Sorry“ im Münchner Haus der Kunst geworden?

Die Antwort: begeisternd. Denn Ai Weiwei, der bei uns durch seinen Auftritt auf der Documenta 2007 und seine Mitarbeit am Nest-Stadion für die Olympischen Spiele in China bekannt wurde, ging nicht in die Falle der Propagandakunst. Er opfert nicht die Qualität der gewünschten Aussage. Und er hat sich mit Leib, Seele und Geist auf die hiesigen Bedingungen eingelassen: das Haus der Kunst mit seinen rein sachlichen, aber auch historisch belasteten Eigenschaften.

Über die riesige Fassaden-Installation aus tausenden von Kinderrucksäcken berichteten wir schon. Diese Erinnerungsarbeit für die jungen Toten des Erdbebens vom 12. Mai 2008 in Sichuan (Baupfusch bei Schulgebäuden) brachte Ai die in den Medien breit dokumentierte schwere Verletzung durch prügelnde Polizisten ein. Der Künstler, der selbst die Ärzte von ihrer Schweigepflicht entband, um Öffentlichkeit zu schaffen, ist medial in Topform, zugleich aber überaus sensibel dem Alten zugewandt. Er arbeitet nicht technoid-steril, sondern sehr sinnlich – wobei auch das Intellektuelle sinnenfroh daherkommt.

12. Oktober bis 17. Januar

Eintritt 10 Euro; Tel. 089/211 27 113; Katalog: gebunden 19,95, Fadenheftung 2 Euro.

Deswegen lockt einen der Dokumentarfilm am Eingang über die Vorbereitung auf die Münchner Ausstellung gar nicht so sehr, denn man hat in der Foyerhalle schon „Template“ entdeckt. Wie ein gewaltiger Holz-Wirbel liegt das Werk dort – jetzt an Erdbeben gemahnend –, das ursprünglich als Turm in die Documenta-Aue von Kassel gebaut worden war. Der Wind brachte ihn zum Einsturz. Ai Weiwei akzeptierte diesen Eingriff des „himmlischen Kinds“. Die aus alten, fantasievoll geschreinerten Holztüren zusammengesetzte Plastik reißt Ais große Themen an: die Würde von Materie – vom Teeblatt über die Perle bis zum Ast – und Handwerk, die Wichtigkeit von Erinnerung und Bewahren. All das hängt unauslöschlich mit der Würde des Menschen zusammen.

So bewahrt der Künstler etwa das eisenharte Tieli-Holz, Ziermöbel oder Balken aus demontierten Tempeln der Qing-Dynastie (1644-1911) mit seinem Team und ausgesuchten Handwerken auf und verwandelt sie in Installationen. Die Form des Landes China wird herausgefräst zur Säule, zum Plateau oder horizontal liegenden Stamm – jenes China, das offenbar vergessen hat, welche Potenz im Holz, der traditionellen Verarbeitung und Architektur liegt. Ai aktiviert die vorgefundenen Teile: Hocker tanzen, Tische falten sich, Balken erstarren im Fallen, durchbohren wiederum Tische.

Aber er benutzt nicht nur Gefertigtes (kunsthistorisches Stichwort: Ready-made), er geht auch an den Ursprung zurück. So „pflanzt“ er in die Haupthalle einen atemberaubend schön-bizarren Wald aus Wurzelstrünken, Stämmen, Stümpfen und Ästen. Abgefedert wird dieses Totholz, das vom satten Leben träumt, durch einen 380 Quadratmeter großen Teppich. Der bildet exakt die Bodenplatten des Hauses der Kunst ab. Mit schlitzohriger Ironie wird das Steinerne, der Ewigkeitsanspruch der Architektur, aufgeweicht. Umgeben ist das von Schwarz-Weiß-Fotos all der Ai-Landsleute, die er als Kunst-Aktion zur Documenta geholt hatte.

Dass Ai Weiwei nicht nur große Gesten, sondern auch das Filigrane liebt, zeigen die umliegenden Säle. Sie geben überdies einen Überblick über das Œuvre: von den New-York-Fotos über die Bücher für chinesische Kollegen oder einen Haufen aus Porzellan-Sonnenblumenkernen bis zu den neolithischen Vasen, die zu Puder zermahlen wurden. Weiteres Zeichen für Ais Humor: Er hat einige Werke ziemlich versteckt im Haus angebracht. – Also, Augen auf.

von Simone Dattenberger

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