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Katsushika Hokusai schuf 1823 ein Bilderbuch mit Skizzen aus einem einzigen Pinselstrich; hier Vögel.

Ausstellung: Freude mit dem Löwenhund

Murnau - Das Schlossmuseum Murnau geht dem Phänomen des den japanischen Farbholzschnitts mit der opulent bestückten Ausstellung „Die Maler des Blauen Reiter und Japan“ nach.

Tanzen Frösche in Japan wirklich Charleston? Ja – und es gab Schauspieler, die Füchse darstellten, und haufenweise Comic-Bücher obendrein. All diese Seltsamkeiten existieren nicht im Nippon des 20. und 21. Jahrhunderts, sondern in jenem Land, das sich erst vor 150 Jahren dem Westen öffnete. Nachdem dieser im Barock und Rokoko auf Chinoiserien erpicht war, begeisterte er sich am Ende des 19. Jahrhunderts für das japanische Flair. Zuvor war nur der Adel interessiert gewesen. Was für die einen prickelnde Exotik war, war für viele Künstler einer der wichtigsten Anstöße, neue Wege zu gehen: der japanische Farbholzschnitt.

Das Murnauer Schlossmuseum geht diesem Phänomen mit der opulent bestückten Ausstellung „Die Maler des Blauen Reiter und Japan“ nach. Brigitte Salmen, die scheidende Chefin des Museums, betont, dass diese Spurensuche in Neuland führe. „Deswegen sind wir in die Vollen gegangen“, erklärt sie schmunzelnd mit Blick auf die eng gehängte Schau. In der Tat erklärt sie die Beziehung zwischen europäischer und japanischer Kunst seit dem Impressionismus mit großen Namen. Manet, Degas, Bonnet, aber auch Toulouse-Lautrec, Denis oder Vallotton treten mit exquisiten Grafiken auf. Großzügigkeit lernten sie alle von den japanischen Kollegen. Großzügigkeit in Fläche, Farbe und Perspektiven. Das bedeutet sowohl Üppigkeit, etwa Gewusel mit wilden Helden, als auch Reduktion auf das Wesentliche.

In der Präsentation kann der Besucher gut mitverfolgen, wie die Maler und Grafiker diese Bildsprache anhand der Blätter und Bücher aus Japan trainierten. Man kann sogar die Stichel eines Holzschneiders begutachten; daneben winziger als winzige chinesische Porzellanfiguren und Franz Marcs Siegel mit seinem ostasiatischen Monogramm. Der habe sich schon „in seiner Ausbildungszeit“ für diese Kunst begeistert – und gesammelt, erzählt Salmen. Ihre Forscher-Neugier an der Japan-Verbindung brachte sie auf Marcs Sammlung. Die Nachkommen bestätigten ihr deren Existenz, und das Murnauer Haus konnte sie erwerben. Marc besuchte natürlich auch die Asien-Ausstellungen in München 1903 und 1909, die tiefe Eindrücke hinterließen. Die Stadt war mit ihrem Japanismus auf der Höhe der Zeit. Und die Jugendstil-Könner profitierten voll von Linie, Flächigkeit und Verspieltheit aus dem fernen Orient. Das zeigen Plakate, Illustrationen in den Zeitschriften „Jugend“ oder „Pan“ oder sogar das Dekor von Nymphenburger Porzellan.

An den Sammlerstücken, die auch Bücher zum Malenlernen und Manga (Comic) enthalten, sieht der Betrachter, dass Franz Marc nicht an hehr-steifer Kunst interessiert war. Fröhliches, Freches, Populäres gefiel ihm und, wen wundert’s, Tiere. Gerade bei denen sieht man ganz deutlich den Einfluss. Das trifft genauso auf Gabriele Münter und Wassily Kandinsky zu. Vor allem die Vereinfachung in der Körpersprache des Tiers faszinierte, weil damit der Kern seines Wesens, seines Seins aufzuzeigen war. Besondere Freude im Reigen der Katzen, Hirsche, Rinder und Vögel macht Brigitte Salmen der Shishi. Dieser witzige Löwenhund, der Katsushika Hokusai zugeschrieben wird, wurde nämlich im Almanach „Der Blaue Reiter“ verewigt – und die Kunsthistorikerin konnte genau dieses „Shishi“-Blatt bei einer Auktion erwerben.

Die Ausstellung illuminiert gleichfalls eine Reihe von anderen Blauer-Reiter-Künstlern: die klar gegliederten Landschaften von Gabriele Münter zum Beispiel. Sie setzt Farben wie Glasfensterstücke aneinander. Daneben die eher magische Auffassung von Edvard Munch und Marianne von Werefkin, die trotzdem aus der Kunst Japans die raffinierte Akzentuierung einer Landschaft etwa durch einen dunklen Baumstamm aufgriffen. Solche Scherenschnitt-Elemente und -Effekte erprobte Münter mit fabelhaftem Ergebnis in ihren Farbholzschnitten. Die praktische Seite dieser Schnitte zeigt sich in den wunderfeinen Färberschablonen – Schwalben hinter einem Spinnennetz beispielsweise – für Stoffe. Beim frühen Kandinsky wird die Verflechtung von Japanismus, Jugendstil und der Kunst des Blauen Reiter in einer bestens ausgewählten Reihe von Bildern am sinnfälligsten.

Überraschungen gibt es dann auch noch zu entdecken: dass sich Alfred Kubin bei seinen Grusel-Motiven auf japanische Gespenster-Darstellungen beziehen konnte oder Paul Klee bei seinen Skurril-Figuren auf die östliche Lust auf Verzerrung.

Von Simone Dattenberger

Bis 6. November, Di.-So. 10-17 Uhr, Sa./So. bis 18 Uhr, Führungen: Telefon 08841/ 47 62 01; Katalog: 24 Euro.

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