Auszeichnung statt Brandmarkung

- Der Fokus ist auf das Detail gerichtet. Mit regelrechter Versessenheit werden akribische Landschaften und Mustermenschen immer und immer wieder gemalt. Die Obsession für das Thema - es zeichnet wohl alle großen Künstler aus. Insofern sind diese Bilder von geistig Behinderten die Steigerung: Die Konzentration auf Weniges, auf ein Thema der realen oder gedanklichen Welt, ist den meisten Arbeiten gemein. Ansonsten aber lässt sich bei der "Außenseiterkunst" nichts über einen Kamm scheren.

Für den "Euward" des Augustinums, den europäischen Wettbewerb für Menschen mit geistiger Behinderung, hat eine hochkarätige Jury drei Gewinner ausgewählt. Weitere 23 Nominierte stellen im Münchner Haus der Kunst aus. Chris Dercon hat nicht nur den gesamten Ostflügel dafür leergeräumt, sondern er betont auch, dass es einen Unterschied zwischen "Innen" und "Außen" eigentlich überhaupt nicht mehr gibt.<BR><BR>Allenfalls ist Außenseiterkunst, einst eher eine Brandmarkung, nun eine Auszeichnung. Schließlich hat dieses Phänomen ab Beginn des 20. Jahrhunderts die großen Entwickungen und Vorreiter weitergetrieben und zu einem ganz neuen Kunstbegriff jenseits herkömmlicher Ästhetik geführt. Die Strategien und Techniken reichen bis in die Gegenwart hinein. Im Gegensatz zu vielen anderen Konstruktionen entsteht aber bei den "Außenseitern" meist keine Lücke zwischen Bildsprache und Wirklichkeit. Nicht nur deshalb setzt man seit drei Jahren mit dem Euward einen Meilenstein. Dass das Engagement für die Kunst der Behinderten keine Einbahnstraße ist, wie Eva Lettenmeier vom Augustinum betont, sondern diese Menschen sehr wohl etwas zurückzugeben haben, wird bei der Ausstellung klar.<BR><BR>Etwas weniger klar ist vielleicht die Preisvergabe. Für die 19 000 Euro wurde aus tausend Bewerbungen aus 24 Ländern gewählt. Sieger ist Josef Hofer, der in seiner Jugend im oberösterreichischen Mühlviertel auf einem Bauernhof fast versteckt aufwuchs, mit 37 Jahren erst das Gehen lernte und seit 1992 in der Lebenshilfe Ried im Innkreis wohnt und arbeitet. Es sind vor allem puristische Selbstreflexion, die er in dichte, bunte Gitterrahmen fügt. Harte, kantige Striche, wenige Farben und verschränkte Perspektiven geben den Figuren etwas sehr Markantes und Nachdenkliches.<BR><BR>Der zweite Preisträger Robert Burda aus Münster hat eine penibles Faible für Technik, Trambahnen, Züge, Maschinen und Wohnungsgrundrisse, deren Entstehen er genau datiert. Im Gegensatz dazu setzt der dritte Prämierte, Florival Candeios alias Valito aus Portugal, vor allem auf stimmige Farbfelder, zu denen er seine Umgebung, seine Tiere und Landschaften, mutieren lässt.<BR><BR>Darüber hinaus aber ist eine Reihe mindestens genauso spannender Werken zu sehen: Von agressiven, phallischen Kultfiguren über feinste Tuschezeichnungen zerborstener, gewaltträchtiger Landschaften, von abstrakten Schriftbildern mit zentralen Symbolen über zartbunte Figurenvariationen und brüllende All-Overs bis hin zu außergewöhnlichen Schöpfungen, vogelköpfig und verführerisch bunt schillernd, reicht die Auswahl. Zu viel, um alles zu beschreiben. Zu gut, um nur wenige zu erwähnen.<P>Bis 24. Oktober, Katalog: 19 Euro, Tel. 089 / 21 12 71 15.</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Peter Konwitschny inszeniert Straus: Mit den Waffen der Operette
Wie andere könnte man sich über die Operette lustig machen. Oder man nimmt den „Tapferen Soldaten“ so ernst wie Peter Konwitschny bei seinem späten Debüt am …
Peter Konwitschny inszeniert Straus: Mit den Waffen der Operette
Waka waka: Shakira bringt die Olyhalle zum Ausflippen
Popstar Shakira hat am Sonntagabend in der ausverkauften Olympiahalle die Massen zum Ausflippen gebracht. Die Kritik:
Waka waka: Shakira bringt die Olyhalle zum Ausflippen
Andreas Gabalier im Olystadion: Volks-Rock-Party vor vollem Haus
Er hat es wieder getan: Andreas Gabalier hat zum dritten Mal in Folge das ausverkaufte Olympiastadion gerockt. Lesen Sie hier unsere Konzertkritik vom Samstagabend.
Andreas Gabalier im Olystadion: Volks-Rock-Party vor vollem Haus
Tiefe Trauer um den „Guttei“
Nicht nur in der Gemeinde Neubeuern sitzt der Schock tief: Der Chorleiter und begeisterte Dirigent Enoch zu Guttenberg ist im Alter von 71 Jahren gestorben. Lesen Sie …
Tiefe Trauer um den „Guttei“

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.