Auszüge aus der Dankesrede

- Darmstadt - Die Hamburger Schriftstellerin Brigitte Kronauer hat am Samstag in Darmstadt den Georg-Büchner-Preis 2005 erhalten. dpa dokumentiert Auszüge aus ihrer Dankesrede im Wortlaut:

"Warum bloß (...) hat Georg Büchner die hier gleich folgenden Worte von jemandem sprechen lassen, aus dessen Mund sie dermaßen unnatürlich, ja unglaubwürdig klingen: "... so ein schöner, fester, grauer Himmel, man könnte Lust bekommen, einen Kloben hineinzuschlagen und sich dran zu hängen, nur wegen des Gedankenstrichels zwischen Ja und Nein und wieder Ja - und Nein. Ja und Nein? Ist das Nein am Ja oder das Ja am Nein schuld?" (...)

Gilt Büchner nicht jedem Schulkind als Revolutionär auch deshalb, weil er, im Gegensatz zum ungeliebten Schiller, die Wirklichkeit nicht idealisiert, sondern endlich in ihrer realen Erscheinung darstellte?

Und dann ausgerechnet bei unserem Woyzeck, dem uns inzwischen so teuren Prachtexemplar des Geringen, des leidend Anspruchslosen derart komplizierte Gedanken und Gedankenstrichel!

Die Welt Büchners freilich ist (...) stets eine komplizierte. (...) Der bewundernswert entschlossene Sozialrevolutionär entwickelt parallel als Dichter eine Wirklichkeit, die so relativiert, unideologisch, extrem, flackernd, ambivalent ist, dass man ihn eher für einen an den Beleuchtungswundern der Sprache entzündeten genialen Ästheten halten könnte als für einen im Gebrauchssinn politischen Kopf. (...)

Erstens verkündet uns also Woyzeck, dass nicht nur die Welt eine komplizierte, ja verworrene ist, eine nicht auf das Idyll holzschnittartiger Gegensätze zu reduzierende. Er ruft zusätzlich die bodenlose Rätselhaftigkeit, unantastbar wie die Menschenwürde, eines jeden ihrer Bewohner aus.

Das ist die Revolution, eine Binsenweisheit, aber eine dauerhaft revolutionäre: Nicht die Erkenntnis, dass, recht unverbindlich, alle Menschen Menschen und irgendwie auch Brüder sind. Vielmehr, dass kein Mensch, ob Überflieger oder nicht, flach ist, simpel ist. Keiner, was er an Floskeln auch daherredet, gedankenlos, hilflos, Einverständnis heischend, ist, egal was Augenschein und Verabredung behaupten mögen, nur mit dieser einen, von ihm verbalisierten Dimension ausgestattet. (...)

Büchners Protagonist wird nicht zurückgescheucht in die Sprachhülsen, in die reale Sprachlosigkeit seiner Klasse. Geschähe ihm das, würde es seinen Vorgesetzten und einem arrogant geschwätzigen Publikum bequem gemacht, ihn selbst in Seele, Herz, Kern mit der Primitivität von Wortschablonen seiner Umgebung zu verwechseln. (...)

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