Piotr Beczala
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Als selbstbewusster Ästhet präsentiert sich Tenor Piotr Beczala (54) in seinem Buch.

„In die Welt hinaus“

Autobiografie von Piotr Beczala: Tenor im Gegenstrom

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Von der Allzweckwaffe mit dürftiger Höhe in den Opern-Olymp: Piotr Beczalas freimütige, aufschlussreiche Autobiografie.

Ein „eigenartiges Gebrüll“, so gesteht er, mehr sei beim hohen H in „La donna è mobile“ nicht herausgekommen. Das Dumme nur – Piotr Beczala stand 1988 vor Luciano Pavarotti. Anlass: ein Gesangswettbewerb. Der Tenorissimo nahm den jungen polnischen Kollegen beiseite und gab ihm einen Lebensratschlag: Hohe Töne müsse man singen, „als würdest du einen Faden durch ein Nadelöhr ziehen“.

Heute ist das kaum vorstellbar. Beczala, diese Klang gewordene Eleganz, in dessen Gesang sich stets eine operettige Träne mischt, dieser Künstler verfügte einst nur über einen „kurzen Tenor“, wie er es in seiner Autobiografie ausdrückt. Um die Höhe drückte er sich im Doppelsinn herum, ansonsten bevorzugte er kräftezehrenden Breitspurgesang. Ohne Pavarotti, ohne Gesangslehrer Dale Fundling hätte Beczala bald die rauchenden Ruinen seiner Stimmbänder betrauert.

Doch „In die Welt hinaus“, dieser von Susanne Zobl aufgezeichneter Lebensbericht, enthält viele Freimütigkeiten mehr. Natürlich schwingt in diesem kurzweiligen Buch auch das „Wie war ich?“ eines Stars mit. Doch der 54-Jährige belässt es nicht bei der stolzen Aufzählung der Karriere-Etappen von Linz, seinem Erstengagement, über die Zürcher Ensemble-Jahre bis zum Schritt in den Grand-Slam-Olymp zwischen Met, Scala, Wiener oder Bayerischer Staatsoper. Man erfährt viel über die ärmlichen Verhältnisse im sozialistischen Polen und noch mehr über eine Opernszene, die manchmal wenig von Lohengrins „Glanz und Wonne“ ausstrahlt.

Gemobbt von Dirigent Daniele Gatti

Schon früh muss er sich über sein Potenzial klar gewesen sein – und darüber, wie es weiterentwickelt werden kann. Ein selbstbewusster Realist, der sein Leben als „Wanderung durch einen Bach“ begreift: Man komme nur ans Ziel, „wenn man sich gegen den Strom stellt“. Amüsant und aufschlussreich blickt Beczala auf seinen Werdegang von der Allzweckwaffe, die gern als Einspringer gebucht wird, bis zum Opern-Olympioniken, dem New York oder Salzburg die Rollen zu Füßen legen. Doch Beczala präsentiert sich auch als politischer Mensch. Ob in der Klage über sein Heimatland Polen („am Rande eines totalitären Systems“) oder über Regie. Was Letzteres betrifft, ist er kein verstockter Traditionalist – sondern, genau wie in seinem Gesang, Ästhet.

Die märchenhaften Inszenierungen an der Met empfindet er als Erholung, um sich immer wieder europäischer Regie-Ambition auszusetzen. Wer ihm mit begründeten Einfällen entgegentritt, darf mit einem sehr offenen Künstler rechnen. Doch vieles missfällt Beczala. Etwa, als er für Martin Kušejs Salzburger „Don Giovanni“ zu einem Herrenausstatter gebeten wurde, wo das Kostüm 3200 Euro kosten sollte. Oder als er von Dirigent Daniele Gatti in Mailand gemobbt wurde. Oder die absurde Geschichte, als er in Bayreuth für den Lohengrin vorsang, einen Vertrag unterschrieb, um zugunsten Roberto Alagnas aus der Produktion gekickt zu werden, der seinerseits drei Wochen vor der Premiere aufgab. Wer als Retter zurückkam, ist bekannt; Beczalas Schwanenritter bewegte sich auf Augenhöhe mit Bayreuther Legenden.

Schnittige Autos und Kuchenrezepte

Sympathisch an dieser Autobiografie sind die Interessen abseits der Bühne. Schnittige Autos gehören dazu, auch Kuchenrezepte: Beczalas Torten zu Premieren oder Dernieren sind das süße I-Tüpferl jeder Produktion. Dass er oft hervorhebt, wie dankbar er seiner Frau ist, wirkt nie wie eine gönnerhafte Geste. Ohne Katarzyna, die er in einem polnischen Madrigalchor kennenlernte, hätte Beczala nie diese Karriere einschlagen können. Kasia, so nennt er sie, gab ihre großen Mezzo-Ambitionen auf, um die wichtigste, härteste Ratgeberin und Stütze ihres Mannes zu werden.

Auch bedrohliche Probleme wurden zu zweit gemeistert. Eine vokale Krise wegen geplatzter Äderchen auf den Stimmlippen, zuletzt eine Corona-Infektion, die beide in ihrem abgelegenen polnischen Haus durchstanden. Dass sich Beczala gerade jetzt um weniger bekannte und begüterte Kolleginnen und Kollegen sorgt, nimmt man ihm ab. Auch, dass er längst nicht fertig ist mit der klugen Weiterentwicklung seiner Stimme. Schwergewichte wie Radames und Manrico kommen. Auf seinen Parsifal muss Bayreuth allerdings verzichten: Sieben Wochen proben – das sei ihm in Zeiten oft handwerksarmer Regisseure nicht mehr zuzumuten.

Piotr Beczala:
„In die Welt hinaus“. Aufgezeichnet von Susanne Zobl. Amalthea Verlag, Wien, 253 Seiten; 25 Euro.

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